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- Intensivtraining Norddeutschland - Holland-Polen in drei Tagen
Kooperation: Spedition - Ausdauerathlet Ausgerüstet war ich mit einer Matte, einem Schlafsack, Kartenmaterial und einer Tasche mit Nahrung. Meine Route, die zu Beginn noch nicht fest stand, führte mich in etwa von Rheine in den Norden (Nähe holländische Grenze), südlich von Bremen durch Hamburg, Rostock, Wismar über Usedom (Nähe polnische Grenze), Anklam und Berlin, wo ich wegen eines Reifenplatzers und aufziehenden Schlechtwetters "liegen blieb". Es ging darum sich an viele pausenlose Stunden am Rad in hohem Tempo zu gewöhnen. (und ein wenig Abwechslung zu der Landschaft daheim zu haben).
Sonntag der 16. Mai. Nach der Arbeit bin ich zu Hause, koche, packe meine Taschen und schaue mir nebenbei mit Robert eine Aufzeichnung der Live-Übertragung des Vienna-City-Marathons an. Eine Tasche voller Nahrung und etwas Kartenmaterial und eine Tasche mit meinem Schlafsack, einer Isomatte und Sportöl. In der Lenkertasche noch Beleuchtung, Fotoapparat und etwas Kleinzeugs. Aufs Rad aufgepackt und auf die Waage gestellt komme ich doch auf ganze 35kg. Ich schluck und überlege, aber nichts ist entbehrlich. Ich habe mich wirklich aufs Minimum reduziert. Normal habe ich Kocher, Spiritus usw. dabei, vielleicht ist das alles zusammen viel leichter als fertige Nahrung? Ich wiege die Provianttasche alleine. 10kg. Naja, die wird von Tag zu Tag leichter werden. Meine normale Tourausrüstung wiegt etwa 45kg, da ist aber alles aufgeteilt, nun hängt das ganze Gepäck ausschließlich am Vorderrad. Zudem benutze ich einen Lenker auf dem ich liege, d.h. die Belastung für den Vorderreifen wird nochmals höher. Er ist schon recht alt und etwas brüchig. Ich habe nicht damit gerechnet doch soviel Last zusammen zu bringen, sonst hätte ich noch einen stärkeren Mantel montiert. Aber jetzt ist es Mitternacht, nur mehr ein paar Stunden bis Start meiner Reise.
Montag, vier Uhr morgens. Robert steht auf und geht nach Hause um sein Rad zu holen. Ich kontrolliere nochmals Gepäck und Rad und bringe alles die Treppen runter.
Nachdem wir viele Stunden auf der Autobahn unterwegs sind kommen wir in den ersten Stau. Knapp hinter uns bemerkt ein Autofahrer zu spät den stehenden Verkehr und knallt auf ein anderes Fahrzeug. Wir schummeln uns auf den Pannenstreifen zur nächsten Ausfahrt und versuchen den Stau über die Bundesstraße zu umfahren. Der Unfall hinter uns dürfte schlimm gewesen sein. Nach kurzem hörten wir im Radio das ein Helikopter unterwegs sei und noch Stunden später war die Straße gesperrt. Nach einiger Zeit kommen wir leider in einen zweiten Stau, es geht nur schleppend voran. Aus diesem Grund sind wir noch 10 Kilometer von der nächsten Raststätte entfernt als die gesetzlich vorgeschrieben Zeit, die ein LKW-Fahrer pro Tag unterwegs sein darf, endet. Wir halten neben der Autobahn an und genießen auf einer Betonbank die Strahlen der Sonne, die gerade hinter den Wolken hervorgekommen war, bis sie untergeht. Erich richtet sich sein Bett. Ich bevorzuge es, obwohl es ein zweites Bett in der Führerkabine gäbe, im Freien zu schlafen. Schließlich werde ich das die nächste Woche ständig tun. So breite ich Matte und Schlafsack neben dem 20 Meter langen LKW aus. Die vorbeirasenden Autos stören mich wenig.
Um fünf Uhr morgens brummt der Laster direkt neben mir auf und ich springe vor Schreck samt Schlafsack hoch. Ich bin etwas verschlafen und beim zusammenpacken meiner Matte verliere ich beide weiche Kontaktlinsen die ich nachts in den Augen hatte, kann sie aber wieder finden.
Auf einer Nebenstraße rutscht wir meine weiche Kontaktlinse aus dem linken Auge. Ich bremse sofort und kann sie nach einziger Zeit finden. Sie hat sich bei den Bremsseilen verhängt. Als ich sie mit Speichel anfeuchten will entfleucht sie mir abermals. Ich kann es nicht glauben. Die dritte Linse in zwei Wochen die meinem linken Auge entflieht. Eine dreiviertel Stunde werde ich hier aufgehalten, bis ich endlich aufgebe und eine harte Linse einsetze. Gegen Mittag befinde ich mich im Emsland. Ich bin hier um mir die Transrapid Versuchsanlage anzusehen. Dort fährt eine Schwebebahn die 450km/h erreichen kann. Ich sehe mir den ausgestellten Innenraum eines Antriebwagens an und packe ein paar Informationshefte in meine Taschen. Mittwoch bis Sonntag gibt es die Möglichkeit den 30km langen Kurs mitzufahren. Leider ist heute Dienstag. Durch die Besichtigung bin ich nun etwas in Zeitverzug. Ich beeile mich um meine Tageskilometer noch erreichen zu können. Ich flitze einen Radweg neben der Straße entlang und sehe vor mir eine rote Ampel. Den Kopf ausgestreckt um zu sehen um mich was daran hindert sie zu überfahren. Da geht aber weder links noch rechts ein Weg weiter. Die Ampel steht einfach irgendwo mitten an der Straße. Für mich unlogisch und kein Grund zu halten. Als ich sie überfahre schreit mir wer hinterher: "Hey, es ist rot!". Ich bremse und rolle zurück. Ich reiße meine Karte vom Kartenhalter und studiere verzweifelt warum es hier in der Prärie eine Ampel geben könnte, finde aber keine Antwort. Ich frage durchs offene Fenster eines wartenden LKWs neben mir. "Die bombardieren mal wieder." - "Wer?" - "Das Deutsche Bundesheer." Jetzt weiß ich endlich was diesen Krach macht, den ich schon 15km von hier entfernt gelegentlich hörte. "Und wie lang dauert das?". - "Ach, so 20-25 Minuten." - "Und wie lange stehen sie schon da?" - "Ich bin grad erst gekommen." - "Ächz.", ich stöhne. Da sehe ich erste links in dem Häuschen Militärfuzzis an Funkgeräten. Einer steht heraus, vermutlich der, der mich nachgerufen hatte. Fast hätte ich mir da einen Ärger eingehandelt. Ich bin furchtbar nervös. Einerseits weil die Zeit verrinnt ohne dass ich weiterkomme, andererseits habe ich nicht so sehr Freude an Detonationen in meiner Nähe. Ich versuche die Zeit zum essen und dehnen zu nutzen, aber es scheint ewig zu dauern. Irgendwann kommt es endlich durchs Funkgerät: "Straße freigeben!". Und ich endlich meine Reise fortsetzen.
Gegen Abend halte ich an einer Tankstelle für ein Eis und um den ersten wenn auch flüchtigen Kontakt mit der Westdeutschen Bevölkerung zu haben. Vor der Tankstelle sitzen ein paar Jugendliche und als ich mein Eis habe spaziere ich eine runde um einen kleinen Teich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an dem einige Kinder spielen und ein paar Männer einen Steg bauen. Ich komme mir komisch da mich alle mit einem scheuen "Moin." grüßen, was in meinen Ohren eine Abkürzung für "Guten Morgen!" sein soll. Aber es ist früher Abend, sehe ich so verschlafen aus oder was? Meine Sympathie gewinnen sie damit nicht und ich verziehe mich mit einem Cola und meinen Karten auf eine einsame Bank. Ich würde Bremen erst nachts erreichen, was mir nicht gefällt. Ich beschließe Bremen südlich zu umfahren, morgen aber wohl Hamburg anzusteuern. Ich möchte doch was davon haben hier herumzugurken damit es nicht heißt: "Nein, in Hamburg, Rostock, … war ich nicht, aber 10km davon entfernt". Am späteren Abend fahre ich an einer Imbissbude vorbei. Ich bremse rolle zurück, überlege und entscheide richtig. Der Zeitverlust steht in keinem Vergleich zu dem Energiezuwachs durch ein kleines Essen. Ich entscheide mich für Kartoffelsalat und Pommes was der Koch nicht glauben will und fünfmal nachfragt. Essen die Deutschen nicht zu allem Pommes? Ich trau mich das aber nicht zu fragen. Ich bekomme schließlich doch was ich wünschte und erfahre im Gespräch das er von Mazedonien stammt. Von einem Gast erfahre ich ein paar Sagen um die Gegend in der Nähe. Ich bereue keine Minute die ich in netter Gesellschaft in dieser Bude verloren hatte, bedanke mich für das gute Essen (ich hatte tatsächlich noch nirgendwo so guten Kartoffelsalat gegessen) und flitze mit neuer Energie weiter. Interessanterweise zeigt mein Pulsmesser nun tiefere Werte als tagsüber. Während die Dunkelheit hereinbricht verfahre ich mich furchtbar in einer kleinen Stadt. Ich fahre die Straßen auf und ab und kann einfach meinen Weg nicht finden. 10km fahre ich hier herum, da die Straßen gepflastert sind kann ich nur langsam fahren und mein am Fahrradcomputer angezeigter Schnitt wird immer schlechter. Zwölf Stunden ist es nun her, dass ich meine Reifen auf deutschen Boden gesetzt habe. Das Tagesziel, 200km ist erreicht. Und siehe da, da steht schon ein ‚Hotel á la Samuel'. Ein Buswartehäuschen, 50 Meter von der Hauptstraße entfernt an einem Weg. Da bekomm ich nicht mal den Verkehr mit. Im nu ist mein Schlaflager gerichtet. Laut Plan fährt der nächste Bus morgen früh um 7:35 Uhr, da sollte ich dann vorher weg sein damit mich nicht irgendwelche wartende Schulkinder belästigen. Ich finde in meinem kleinen Radio einen Bluessender dessen Melodien ich lausche während ich meine Beine mit Sportöl massiere. Einen Schnitt von 26km/h habe ich geschafft. Nicht schlecht. Aber ich habe gerade mal 65% der Zeit am Rad verbracht. Das muss sich ändern.
Mittwochmorgen. Ich erwache, luchse aus der Atmungslücke des Biwaksackes. Sieht nach einem schönen Tag aus. Ich setzte die linke Kontaktlinse ein. Meine Beine kommen mir mächtig dick vor, als ich sie aus dem Schlafsack ziehe. Im nu bin ich angezogen, ist alles gepackt und aufgeschnallt. Während ich losfahre treffe ich einige Schüler die auf dem Weg zur Bushaltestelle sind. War bin ich ja grad noch rechtzeitig losgekommen.
Ich bin ganz gut unterwegs, an den Wind habe ich mich zwangsläufig gewöhnt. Das Gepäck stört mich auch überhaupt nicht mehr, die Nahrungsaufnahme (hauptsächlich bestehenden aus Flüssignahrung für Komapatienten, Manner-Schnitten und in Wasser aufgelösten Mineralpulver) während des Fahrens klappt gut. Ich komme Hamburg immer näher und rätsle wie ich da durch kommen soll. Auf meiner groben Karte sehe ich nichts als Autobahnen eingezeichnet. Am Radweg in einer Linkskurve will ich stehen bleiben um ein Straßenschild neben mir lesen zu können. Ich strecke wie immer mein rechte Bein weg und will mich zur Seite kippen lassen, da kommt von rechts ein Windstoß und schmeißt mich nach links. Da lieg ich dann, am Rad hängend, meine Flaschen verstreut. Wartende, abbiegen wollende Autofahrer, schauen mich entsetzt an. Ich befreue mich vom Rad, stelle es schnell und gepeinigt auf. Aus weiser Voraussicht, obwohl seit Jahren nicht passiert ist, führe ich nach wie vor immer eine Trinkflasche mit in der sich reines Wasser befindet um etwaige Wunden auswaschen zu können. Sehr froh darüber, lege ich mein Bein auf die Leitplanke, beiße die Zähne zusammen und lasse Wasser über mein blutendes Knie rinnen. Die Deutschen schauen wohl, interessieren sich aber nicht weiter dafür. Das kenn ich aber bereits. Ich habe eine fünf Zentimeter lange Narbe am rechten Unterbein. Letztes Jahr habe ich mir in Deutschland mein Schienbein am Pedal aufgeschnitten. Ich lag blutend neben dem Weg. Mehr als scheue Blicke der Radfahrer und Fußgänger hatte ich nicht erhalten. War mir dann aber auch egal. Ich setzte meine Fahrt gleich fort, der Fahrtwind wird die Wunde schnell eintrocknen lassen.
Etwas später halte ich aus irgendeinem Grund an einem Geschäft vor dessen Eingang ein Radler sitzt. Vielleicht um mich wichtig zu machen, vielleicht weil ich mich freue einen Radsportler zu treffen. Ich spreche ihn aber nicht an sondern schaue nur auf meine Karte. Er hält mir ein große Flasche Cola hin und sagt "Trink!". Ich verneine dankend. Er sagt "Trink, ist gut. Ein Liter ist viel zu viel." Da hat er recht, bring ich doch meist einen halben nur schwer weg. Ich bin kein Unmensch und nehme das Angebot an. Gleichzeitig kommen drei weitere Radler aus dem Geschäft. Nach einem kurzem Gespräch steht fest, wir werden gemeinsam weiterfahren. Sie wollen wie ich mitten durch Hamburg und dann nach Hause, was eh auch dort liegt wo ich dann hin will. Ich sehe, dass diese kleine Entscheidung zwischen, an dem Radler vorbeifahren oder anhalten gut getroffen ist und sich sehr zu meinem Vorteil auswirkt. Auf kleinen Straßen führen sie mich zu einer Fährstelle. Nach ein paar Minuten sind auch schon unsere Räder verstaut und wir befinden uns am Oberdeck eines kleinen Schiffes. Mitten durch die Stadt bringt es uns und mit dem einen Radler habe ich einen tollen Führer. Er kommt allen meinen Fragen nach. Da sind das Reichenviertel, Kriegsschiffe, unvorstellbar große Frachter, Asylantenboote, ehemalige Fischmärkte, die Hamburger Wahrzeichen (irgendwelche Kirchen und so), Feuerschiffe, für mich als Mann vom Fach interessant die Faultürme der Kläranlage, usw. Alles von der Fähre aus zu sehen. Nachdem wir angelegt haben geht die Sightseeingtour per Rad weiter. Auf kleinen Hinterstraßen verlassen wir langsam die Stadt. Das Tempo mit dem wir unterwegs sind passt mir genau, ich bin sehr froh mich den dreien angeschlossen zu haben.
Mein linkes Knie schmerzt etwas, wahrscheinlich vom Sturz, und ich verlagere die Belastung etwas mehr auf mein eigentlich schwächeres rechtes Bein. Im Allgemeinen komm ich aber mit der Verletzung klar. Wir halten plötzlich an einem Haus und ich gehe den anderen einfach hinterher hinein. Mir ist nicht ganz klar was das hier ist, wo hier uns hinsetzen. Mir wird ein Glas und eine Cola-Flasche hingestellt. In einer Ecke stehen hinter einer Theke eine Menge Gläser, Flaschen und ich tippe darauf, dass das hier so was wie ein Kneipe ist, wenn auch eine etwas ungewöhnliche. Noch mehr wundere ich mich, als sich der eine Radler entschuldigt um sich schnell duschen zu gehen. Da ich das eben für ein Gastgewerbe halte frage ich ganz blöd einen der mit uns am Tisch sitzenden Männer ob ich hier was zu essen bekommen könne. Nach Aufzählung von unter anderen zwanzig Fischgerichten, unter denen ich mir nicht viel vorstellen kann, entscheide ich mich doch für Bratkartoffel. Mir wird angeboten Spiegeleier dazu zu nehmen. Ich halte es nicht für schlimm mit den Anderen noch etwas zusammen zu sitzen und denke, dass ich durchs Essen hier Energie gewinne um nachher flott weiter zu kommen. Ich werfe aus Interesse ein wirtschaftliches Thema auf und entfache eine heftige Diskussion. Ziemlich rasch bekomme ich mein Essen. Die servieren Essiggurken zu den Spiegeleiern, na ja. Nach dem runter Schlingen des Essen richte ich neben dem diskutieren meine Karten für die Gegend östlich von Hamburg zurecht. Als der eine Radler aus der Dusche zurück kommt bringt er mir je eine Packung mit Müsliriegel und Fruchtriegel, zudem ein paar Bananen. Das ist super, weil morgen ja Feiertag ist und ich nichts eingekauft habe. Ich bleibe nichts fürs trinken und essen schuldig und mache mich gestärkt auf den Weg. Ich komme an einem parkenden Auto mit Berliner Kennzeichen vorbei. Ich schaffe tatsächlich meine Scheu fremde Menschen anzusprechen zu überwinden, halte an, drehe um, fahre zurück und frage den Fahrer, der gerade die Fixierung seiner Ladung am Autodach nachstellt wie den das Wetter in Berlin sein. Schließlich habe ich nichts durch meine Frage zu verlieren, die Information jedoch könnte sehr wichtig für mich sein. Ich erfahre das es sehr ähnlich ist wie hier, wechselhaft, aber kein Regen in Sicht und vier Grad wärmer. Klingt ganz fein. Gegen späten Abend komme ich in eine Gegend mit lauter kleinen Hügeln. Das ist genau nach meinem Geschmack. Ich husche rauf und flitze wieder runter. Macht Spaß und da es windstill wurde verbessere ich auch meine Durchschnittsgeschwindigkeit. Ich bekomme Stress mit meinen Elektrogeräten. Das mein Computer oder mein Communicator die unglaublichsten Spinnereien haben bin ich schon gewöhnt und vermute schon des Längeren einen schlechten Einfluss auf elektrische Teile zu haben. Nun zeigt mein Tachometer die eigenartigsten Werte an, die Anzeige meines Pulsmessers bleibt stecken, mein Rücklicht will nicht an bleiben und die Lampe… Als ich im Licht einer Tankstelle meine Karte ausbreite kommt ein starker Wind auf sodass es mir nicht möglich ist meine Karte wieder zusammen zu falten um sie in den Kartenhalter zu bekommen. Mir wird unheimlich. Schwarze Wolken ziehen auf. Dann komme ich auch wieder auf so ein Sch…. Pflaster. Durch diese Pflasterstraßen sind mir bereits meine Trinkflaschen aus der Halterung gesprungen wobei die Verschlusskappen abgerissen wurden, die Lichter sind durch die Vibration defekt, die Gangschaltung tut nicht so wie sie soll, ich bilde mir ein das der der Reifen manchmal bis an die Felge eingedrückt wird und abschließend meine Gelenke, die leiden auch durch da Gerüttel. Ich hasse Pflasterstraßen, tat ich schon immer und werde ich auch immer tun. Ich komme an einem kleinen Buswartehäuschen vorbei. Ich habe meine 250km genau erreicht, also werd ich die Gelegenheit ein Dach über dem Kopf zu haben nutzen und gleich hier bleiben. Der düstere Himmel macht mir eh etwas Angst. Ich dehne meine Beine an der Häuschenrückseite. Das Häuschen ist sehr schmal und die Straßenlaterne leuchtet hinein. Zudem steht es direkt an der Straße und bei jedem vorbeifahrenden Auto klappern die Bretterwände. Damit mein Rad Platz hat stelle ich es auf die Sitzbank, habe aber Angst, dass es auf mich runterfällt. Ich krieche in meinen Schlafsack und versuche wenigstens meine Beine unter der Bank zu verstecken um nicht so aufzufallen. Ein kläffender Hund kommt angelaufen. Ich kann ihn zum Glück leicht verscheuchen. Ich packe mein Linsenzeugs aus, da kommt schon wieder ein Hund. Eine Frau geht hinterher und beide bleiben sie auf der anderen Straßenseite stehen. Ich tue so als sehe ich sie nicht. Ich bin fertig, müde und mir ist alles wurscht. Ich will schlafen, lasst mich in Frieden! Es wirkt als wolle die Frau zu mir rüberkommen, aber als ich anfange mit meiner Reinigungsflüssigkeit herumzuwerken ruft sie ihren Hund und huscht ganz schnell den Weg zurück den sie gekommen war. Es sah wohl aus als würde ich da irgendwelche Drogen zusammen mischen. Ich bin glücklich, dass bisher mein Plan aufging, ich die Stadt Hamburg gesehen habe und trotzdem sagenhafte 250km geleistet habe. Ich freue mich auf die nächsten Tage und falle in den Schlaf. Donnerstag. Ich bin fühle mich furchtbar faul und drehe mich immer wieder zur Seite. Es ist mir egal aufzustehen, ich hab das Recht etwas faul und schläfrig zu sein. Irgendwann bin ich dann doch ausgeschlafen und ich öffne mein rechtes (sehendes) Auge. Es ist eh erst sieben Uhr. Ich stecke meinen Kopf aus dem Häuschen, das Unwetter hat sich verzogen, ein paar Wolken ziehen umher. Ich richte mich zusammen und los kann es gehen.
Ich bin (unabsichtlich) auf kleineren Straßen unterwegs wo es keine Radwege gibt. Der Seitenwind und gelegentliche Böen erschweren den Versuch möglichst am Straßenrand zu fahren. Nach ein paar Stunden erblicke ich ein bepacktes Rad mit einem Radler in warmer Jacke. Er versteckt sich im Windschatten eines Gebäudes um seine Karte zu studieren. Ich freue mich einen Menschen, der nicht von Bleck umhüllt an mir vorbeifährt, anzutreffen wende und rolle zu ihm. Er ist recht gesprächig. Er empfiehl mir einige Gegenden für eine nächste Deutschlandtour, wir tauschen Erfahrungen mit Speichenbrüchen (siehe Bericht HCH-Tour02) usw. Nach über einen halben Stunde halten wir beide die Frische nicht mehr aus und jeder setzt für sich seinen Weg fort. Ich freute mich etwas Menschenkontakt gehabt zu haben. Gegen Mittag rolle ich in Rostock ein. Ich habe ein hohes Tempo, trotzdem lasse ich mich von einem blöden Autofahrer auf den kaputten gepflasterten Radweg vertreiben und komme nur mehr sehr langsam voran. Zu meinem Unglück zweigen die Straße und der Weg langsam voneinander weg und ich befinde mich bald irgendwo in Rostock. Eineinhalb Stunden irre ich umher bis ich wieder an die Stelle komme wo ich zuletzt neben der Straße war. Diesmal verzichte ich auf Rücksicht auf die Anderen und bleibe auf der Durchzugsstraße und siehe da, drei Minuten später bin ich an der Abzweigung zu meinem nächsten Ziel. Rostock scheint eine nette Stadt zu sein, die Lokale am Wasser, die Graffitis, ich lese aufgesprühtes im Industriegebiet wie: "Gern befinden wir uns in der freien Natur, weil sie keine Meinung über uns hat.", andere interessante Gebäude sind von der Hauptstraße aus zu sehen. Vielleicht mal Wert wieder herzukommen. Das Schönste war aber sicher, dass bisher nur hier die Sonne zu sehen war. Bisher war es mir egal wenn ich mich verfahren hatte, denn diese Tour hat nur den Zweck möglichst viele Kilometer zurückzulegen, auch wenn die im Kreis führen. Aber heute habe ich ein Ziel, ich will Usedom und somit das Meer erreichen. Von Hamburg an die Ostsee in einem Tag, das wäre doch was. Deshalb ärgert es mich ein wenig in Rostock herumgeirrt zu sein. Ich rechne meinen Plan durch ob es sich ausgeht noch rechtzeitig nach Hause zu kommen. Ich habe einen Puffertag, so sieht es nicht so schlimm aus. Es ist erst früher Nachmittag ich sehe meine Chancen aber nicht groß bereits heute in die Nähe von Usedom zu kommen. Das Wetter wird besser. Eine Gruppe Rennradler rast die Straße entlang. Zu gerne hätte ich mich ihnen angeschlossen nur stand ich leider gerade zu meiner täglichen Pinkelpause in einem Kornfeld. Gestern wurde der Vatertag schon groß im Radio angekündigt. Vatertag, am Donnerstag? Verwunderlich. Und besonders komisch das 16jährige Anrufer gefragt wurden was sie unternehmen werden. In diesem Bundesland heißt dieser Tag Herrentag und langsam wird mir klar, es geht einfach um einen allgemeinen Feiertag an den sich die Männer von ihren Müttern und Frauen aus ganz offiziell besaugen dürfen und das tut man üblicherweise während einer Vatertagstour bei der wirklich jeder mit dem Fahrrad unterwegs ist. Auch ich werde gelegentlich für einen Herrentagsfahrer gehalten und manch einer schaut ob das alles Schnaps ist was sich da in meinen hinteren Flaschen mitführe. Das ist nämlich üblich. Die Burschen die ich überhole haben großteils eine Glasflasche am Gepäcksträger. Im Radio habe ich gehört das es auch Spaziergeher mit einer Flasche Branntweinschnaps, die an einem Stock montiert wird, gibt. unglaublich viele Menschen sind unterwegs. Einige Autos haben einen Strauß einer bestimmten Pflanze an den Kühlergrill montiert. Auch Polterwägen, die üblich sind, kommen mir entgegen. Ich kann mit diesem Brauch nicht viel anfangen, finde ihn aber ur lustig, allein schon, weil ich nicht mehr so alleine auf der Straße bin. Allein in dem Bundesland, in dem ich unterwegs bin, sind am Feiertag 1000 Polizisten zur Alkoholkontrolle unterwegs. Gegend Abend leeren sich die Straßen, nur mehr die härtesten sind unterwegs. Der Rest liegt schon am Straßenrand. Der Wind lässt auch wie gestern Abend nach und ich werde immer schneller. Über gebogene Brücken die über Autobahnen führen, die die Flachländer ihr Rad entlang schieben, flitze ich fröhlich mit 38km/h.
Ich bin auf einer großen Straße mit super Asphalt unterwegs und kann ein tolles Tempo an den Tag legen. Irgendwie biege ich falsch ab und frage gleich einen Radler um Rat. Zwei Möglichkeiten, ein Stück zurück auf die große stark befahrene mit dem super Asphalt oder hier weiter auf einer verkehrsarmen Straße. Ich frage extra nach ob sie gut zu fahren ist, Asphalt, keine Plastersteine? "Ja ja, mit dem Rad kein Problem!". Ich wundere mich über den Zusatz ‚mit dem Rad', fahre aber bedankend weiter. Nach einigen Kilometern brettere ich, von der Sonne etwa geblendet, auf eine Pflasterstraße der schlechtesten Klasse. Auf einer solchen sind nicht sehr viel mehr als 5 km/h möglich. Ich suche nach einem Ausweg, aber rechts und links der Straße sind nur Sandstreifen. Ganz langsam, mit zusammen gebissenen Zähnen holpere ich durch die Ortschaft. Böse Gedanken an den wegweisenden Menschen habe ich im Kopf.
Ich höre zurzeit ‚Hitradio Ostseewelle Mecklenburg-Vorpommern'. So wie es bei uns heißt ‚das Ö3-Wetter' oder ‚die Ö1-Nachrichten' heißt es hier immer das Hitradio-Ostseewelle-Mecklenburg-Vorpommern-Wetter usw. Mit der Zeit lästig. Hauptthema der letzten Tage ist die Ohrfeige die der Kanzler von einem Parteimitglied empfangen hat. Dieses, ein Lehrer, hat man aus der Partei ausgeschlossen, man kann aber nichts mehr an seiner Kandidatur für wasweißichfürein Amt hindern. Wundern muss ich mich darüber, dass hier (sogar aus Deutschland stammende) Bands als ‚Neu auf Hitradio…" vorgestellt werden, dessen CDs ich seit einem Jahr nicht mehr höre. Weiters fällt mir auf, dass ich nie Werbung höre. Es gibt aber einen Radiosender der ständig damit wirbt, dass sie keine Werbung bringen. Eigenartig, eigenartig. Wie ich so dahinradle sind da zwei miteinander tanzende Mädchen auf dem Radweg. Ich erwähne das nicht weil es mich aufreite oder so. Ich hab mich auch nicht gewundert. Mittlerweile denke ich mir nur mehr: "Aha!". Schließlich höre ich ständig im Radio Meldungen wie: "Achtung, auf der A1 laufen Kinder herum!", "Achtung auf der A2, hier schmeißen Kinder Steine auf die Straße!", "Aufgepasst auf der A3, hier liegen Räder auf der Fahrbahn!".
Es wird Abend und ich hab einen steilen Hügel vor mir. Quasi als Gipfelkreuz sieht man von unten das Logo des Wheightwatchers Nummer 1: McDonalds. Oben angekommen stellte ich mein Rad erst bei der benachbarten Tankstelle ab um mich dort auf der Toilette zu waschen bevor die letzten wärmenden Sonnenstrahlen verschwanden. Nach einer Dose Fisch, zwei Portionen Pommer, einer Cola und etwa Verpflegung aus meinen Taschen (Manner-Schnitten) ging es weiter. Ich kam bald in eine flache Gegend in der noch die Sonne sichtbar war. Bald schon rollte ich auf einem Deich, bei der ersten Möglichkeit stellte ich mein Rad ab und ging zum Sandstrand. Ich befand mich tatsächlich auf Usedom und vor mir lag die Ostsee. Ich huschte voller Freude zurück zum Rad, leerte den Sand aus meinen Schuhen und radelte weiter. Einen Kilometer kam ich. Da war der nächste Zugang zum Strand und ich ging wieder zum Meer. Hier stand ein Strandwächterhäuschen. Eigentlich der perfekte Schlafplatz. Ich wäre zwar noch gern weiter gefahren, war es doch erst früher Abend, aber als ich zum Rad zurück ging sah ich, dass ich gerade genau meine 250km erreicht hatte. Gegenüber dem Zugang sah ich ein Autokino. Ich wusste gar nicht, dass es so was wirklich gibt. Dort hing ein Schild: "FKK überwacht". Was soll man sich darunter vorstellen? Einen nackten Polizisten? Ich lief zwar Gefahr, dass da irgendwelche Betrunkenen vom Autokino nachts glauben sie müssen um mich bei der Hütte feiern, aber ich hielt es trotzdem für klüger da oben als im mir verhasstem Sand zu liegen. Ich trage alle meine Sachen auf die Hütte, und wasche meine Beine im Meer ab. Es ist gar nicht so kalt. Anschließend gibt's eine kleine Massage. Hätte ich die Waschpause an der Tankstelle später gemacht, dann hätte ich aber keine mich trocknende Sonne gehabt, hatte ich die 250km innerhalb von 12 Stunden geschafft. Das muss ich auch nächste Woche beim Wettkampf in Krems mindestens leisten.
Ich beobachte die Sonne wie sie im Meer versinkt und muss wegen des aufkommenden starken Windes mein Fahrrad am Gelände festschnallen. Bald schon schlafe ich mit dem rauschen der Wellen ein. Fortsetzung folgt in Kürze...
von Samuel Petersen | ||||||||||||||||||||||||||||||||||