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- Halbmarathon in Gleisdorf - bei Gewitter zu neuer Bestzeit
Sa, 14. Juni 2005, 14 Uhr. Robert und ich sitzen bei mir zu Hause und studieren den Globetrotter-Katalog um zu entscheiden, was wir bei unseren nächsten Touren an Ausrüstung brauchen werden. Da erreicht mich ein Anruf. Mein ungarischen Team-Kollege Oliver ist gerade in der Stadt angekommen und sucht den Weg zu mir. Nachdem er ihn gefunden hat, haben wir einiges zu reden. Schließlich lief Oliver vor erst knapp einer Woche am anderen Ende von Österreich, in Dornbirn, bei einem 12-Stunden-Nacht-Lauf - und nun ist er hier um Robert und mich beim Halbmarathon in Gleisdorf zu begleiten.
Der Gleisdorfer Solarlauf-Halbmarathon war 2003 mein erster Laufwettkampf. Damals wurde ich noch in der schwach besetzten Klasse M-19 gewertet und durch den damaligen Erfolg blieb ich beim Laufsport hängen. Ich gewann die Klasse mit einer Zeit von 1h38 - durch die harten Wetterbedingungen waren alle Teilnehmer langsamer unterwegs als sie es gewohnt waren. Es war eine furchtbare Hitze (nachdem es die Tage zuvor bei uns eher sehr kalt war), die Luft stand still zwischen den hohen Feldern und es war eben mein erstes Mal, dass ich eine solche Distanz lief. Nun, 2005, habe ich mit einem weinenden Auge des DoubleIronman abgesagt, wollte aber nicht wie im Vorjahr in eine längere Sportpause fallen. So entschied ich (unter dem Wissen, dass Robert und Oliver ebenfalls teilnehmen würde) mit der Strecke in Gleisdorf abzurechnen und meine dortige Zeit zu verbessern. In die Nähe von 1h30 zu kommen wünsche ich mir schon. Aber ich habe heuer hauptsächlich lange Läufe trainiert (als Vorbereitung für den DoubleIronman) und habe die letzten beiden Wochen eigentlich nichts gemacht. Anfang Mai radelte ich 1300 Kilometer, aber richtig gelaufen bin ich zuletzt bei einem Wettkampf Ende April. Trotzdem bin ich zuversichtlich. Ich vertraue meinem Körper, hat er doch heuer bewiesen, dass er auch mit viel geringerem Training (als im Vorjahr) sehr viel zu leisten vermag (wenn nicht sogar mehr, da er allgemein ausgeruhter ist).
Als wir uns zu dritt auf den Weg nach Gleisdorf machen ist es sehr warm, aber wenigstens bewölkt. Startnummern holen, Leute begrüßen, ins Laufgewand springen, Beine einölen. Ich habe die Startnummer 2 zugeteilt bekommen. Damit lastet ein großer Druck auf mir, denn normal reserviert man die niedrigen Nummern für die Athleten von denen man sich einen Sieg erwartet. Oliver fühlt sich da mit Nummer 272 weniger belastet. Wir laufen eine Runde durch die Stadt zum Aufwärmen. Dabei sehen wir schon über dem 15km entfernten Weiz fette schwarze Wolken stehen. Meine Freude ist groß. 16:20 Uhr. Wir stehen im Startfeld. Da geht der Wind los. Ich bekomme sofort Staub in meine empfindlichen Augen. Ich ärgere mich, nicht daran gedacht zu haben Schutzbrillen mitzunehmen wie ich es sonst bei jedem Lauf tue (aber die nehme ich normal nur gegen die Sonne mit und die war ja verdeckt als wir losfuhren). Ein paar Sekunden später fällt der Startschuss. Meine Augen brennen und ich kann fast nicht sehen. Gleich in der ersten Kurve laufe ich jemanden nieder. Getrieben von den fast betäubenden Schmerzen der Augen ziehe ich mit der Spitzengruppe mit und wir gewinnen auf den ersten paar hundert Metern einen schönen Vorsprung. Ich traue mich nicht zuviel bei meinen Augen herumzufummeln und nicht die (harten) Kontaktlinsen zu verlieren. Ich versuche einfache die Augen so wenig wie möglich zu öffnen und den Schmerz zu überstehen. Nach der ersten Runde in der Stadt kommen wir wieder durch den Startraum, wo sich die Betreuer an den Zielbogen und die seitlichen Absperrungen klammern, damit der Wind sie nicht auf die Strecke wirft und die Läufer erschlagen werden. Nach einer zweiten Runde durch die Stadt geht es am Bahnhof vorbei Richtung Stadtgrenze. Mit Rückenwind. Mir blasst es zwar meine Haare ins Gesicht, aber die Augen erholen sich ein wenig. Kilometermarke 5 - Zeit laut meiner Uhr: 18:30. Kaum zu glauben. Das ist schneller, als ich mit Robert an meiner Seite unter optimalen Bedingungen beim 5.000-Meter-Sprint auf der Laufbahn schaffe. Ich lasse mich von der 4-Mann-Spitzengruppe zurückfallen, weit hinter mir ist kein anderer Läufer zu sehen. Außerhalb der Stadt wird es plötzlich windstill. Da beginnt ein Gewitter. Blitze zucken, Donner kracht. Ich bin sehr erfreut, dass sich meine Augen erholt haben, mein Magen sicht nicht meldet, mein Körper trotz des Tempos und der noch warmen Temperatur (15°C) nicht überhitzt ist und sich meine Beine gut anfühlen. Alles andere ist mir momentan schnurz. Ich bin sehr einsam hier draußen zwischen den Feldern. Ich kann gelegentlich weit vor mir das Blinklicht des Gendarmerie-Motorrads erkennen, das die Führenden begleitet. Zweihundert Meter hinter mir sehe ich einen Läufer und noch mal 300 Meter hinter ihm einen weiteren. Sonst ist da nichts. Ich laufe neben dem Asphalt um meine Beine zu schonen. Es tröpfelt dahin und kühlt meinen Körper angenehm. Es herrscht eine Spannung in der Luft. Bei der ersten Labestation nehme ich einen Schluck Wasser und schnappe mir einen getränkten Schwamm und den Schweiß von meinem Körper wischen/waschen zu können. Bei km-7 habe noch immer einen Wahnsinnszeit die mir zeigt, dass es sich auszahlen wird zu kämpfen. Kurz drauf fängt es an platzartig zu regnen. Der Weg wird schlammig und ich laufe in der Mitte wo der Schotter etwas höher liegt. Der wenige Stoff, der mich bedeckt, klebt am Körper, aber das Verhältnis Lufttemperatur-Körperhitze-Verdunstungskälte passt optimal für mich. Immer wenn der Weg einen Hacken schlägt und quer zur kommenden Wetterfront verläuft muss ich meinen Kopf einrollen um nicht ständig Wasser ins Ohr und in die Augen zu bekommen. So sehe ich die Blitze nicht mehr, aber dafür wie die Straße jedes Mal plötzlich heller wird. Ein Donner folgt den anderen und verursacht einen Ohrenbetäubenden Krach. Ich komme wieder auf eine besiedelte Straße und laufe in Windrichtung. Kleine Bäche rinnen vom Hang über die Laufstrecke und manchmal trifft der Schuh erst zur Hälfte unter Wasser die Straße. Leute stehen an Fenster, Vordächern und Balkonen und jubeln mir zu. Durch das Wetter höchst motiviert und noch sehr bei Kräften, winke ich jedes Mal mit einem Lächeln zurück. Bald ist die Hälfte erreicht und ich liege an sechster Position und ohne Druck von Verfolger, das motiviert natürlich zusätzlich. Die Straße schlägt wieder einen Hacken und ich muss meine Augen vor dem harten Regen schützen indem ich die Hände vors Gesicht halte, während ich durch schlammige Pfützen hüpfe. Kilometer 10 ist erreicht. Noch fühle ich mich, zum ersten Mal wünsche ich mir keine Änderung. Das einzige was ich vielleicht gerne hätte wären Ohrenstöpsel (ich hätte sogar welche in meinem Gepäck dabei) gegen den lärmenden Donner. Ich komme an einer Labe vorbei. Nun geht es wieder Richtung Norden, Richtung Gleisdorf, Richtung Ziel. Ich senke meinen Kopf tief da mir der harte Regen im Gesicht etwas schmerzt. Meine nassen Schuhbänder gehen auf. Schimpfend bleibe ich stehen, knie mich hin und binde sie neu. Ich könnte mir nicht viel Schlimmeres vorstellen. Sich nun wieder aufrichten und ins Tempo zu kommen ist schwer und kostet viel Kraft. Kurz darauf bei KM-12 spüre ich ein Hagelkorn, das auf meiner Wange landet. Ich drehe den Kopf noch stärker ein und halte mir die Hände übers Gesicht. Für ein paar Minuten treffen mich kleine scharfe Körnern die mir am Kopf und an den Genitalien brennen. Als der Hagel aufhört, kommt auch die Sonne zum Vorschein. Ich zweige gerade wieder auf die Straße ab, auf der ich gekommen war, wo mir die Nachzügler entgegen gelaufen kommen. Ich biege wieder ab Richtung Osten. Vor mir: eine grüne Landschaft deren feuchte Gräser und Blätter das Sonnenlicht reflektieren und darüber ein großer kräftig schimmernder Regenbogen. Ein kleines Stück der Straße steht komplett unter Wasser und als ich über den Grasstreifen daneben ausweichen will flitzt ein Hase über meine Füße und durch die tiefe Lacke. Witzige Eindrücke, die ich während dieses Wettkampfes sammle. Ich bin geistig voll da (im Gegensatz zu anderen Laufwettkämpfen bei denen ich nur ans Füße voreinander setzen denken kann) und rechne wie verrückt bei jeder Kilometermarke herum. Etwa sechs Kilometer vorm Ziel höre ich kurz in meinen Körper und bin mir sicher: Ich kann meine heuer in Graz aufgestellte Bestzeit schlagen. Ich will kein Risiko eingehen, denn das letzte Stück durch die Stadt zum Ziel ist schwer zu laufen. So versuche ich etwas schneller zu werden was nicht einfach ist. Aus dem sehr angenehmen, fast gemütlich erscheinenden Tempo, komme ich in einen anstrengenden und sehr fordernden Bereich (in dem ich mich eh für gewöhnlich bewege). Bei jeder KM-Marke schaue ich auf die Uhr und rechne nach. Ich komme in die Stadt. Nun wir es hart. Mit gesteigertem Tempo über Gehsteigkanten hüpfen. Nur mehr ein dreihundert Meter zum Ziel. Es geht durch eine Hausunterführung bergauf was schmerzt. Ein paar Meter auf der Hauptstraße, KM-21, letzter Blick auf die Uhr, einen Hacken nach links, die letzten hundert Meter über den Hauptplatz. Mit geschlossenen Augen steige ich über die Ziellinie, die Augen gehen mit Blick auf die große Zeittafel auf. 1h24:30. Die Augen gehen wieder zu, die Hände hinter den Kopf - ich bin endlos glücklich. Ich ziehe mein durchtränktes Shirt vom heißen Körper um abtrocknen zu können und laufe ein wenig aus. Bei einer Kreuzung an der die Läufer vorbeikommen mache ich halte und warte auf meine Kollegen. Es dauert mir zu lange und gerade als ich ihnen entgegen laufen will kommt Robert mit einem strahlenden Gesicht von hinten auf mich zu. Er war bereits vorbei, als ich an diese Kreuzung kam. Er hat sein Wunschziel, endlich unter 1h30 zu kommen, absolut erreicht. Gemeinsam laufen wir Oliver entgegen und feuern ihn an. Der hat offensichtlich zu sehr mit seinen Kräften gespart, da er angespornt von uns so schnell wird, dass wir beide ihm nicht mehr folgen können. Oliver erreicht mit einer Minute Vorsprung den dritten Platz der allgemeinen Herrenklasse. Ich gewinne sie :-)
Äußerst zufrieden kehren wir nach Weiz zurück. von Samuel Petersen |