- Egerszeg Sprint-Duathlon -
kleiner Wettkampf mit Oliver in Ungarn
Mein ungarischer Team-Kollege Oliver und ich brennen schon seit einiger Zeit darauf uns endlich kennen zu lernen, nachdem wir nur per Internet Kontakt hatten. Wir sind mit Abstand die jüngsten im Team und da wir beide stets im Schüler/Studenten-Stress stehen ergab sich nie die Möglichkeit für ein Treffen.

Ich habe einige schulfreie Tage und bereite mich mit nächtlichen Fahrten am Rad auf das 24-Stunden-Radrennen in Krems vor. So fahre ich nach erledigen eines Arbeitsauftrages am Freitagnacht die 70km-Strecke zum Hof meiner Mutter und erreiche mit 1h44 einen neuen Streckenrekord. Ich bleibe die Nacht und helfe am Samstag die Schafe vom Stall auf die Weide am Berg zu siedeln. Gegen Abend mache ich mich auf den Weg nach Ungarn. Ich bin mit meinem KTM-Rennrad erstmals mit Gepäck unterwegs - ein kleiner Rucksack am Rücken und die Laufschuhe unter den Sattel geschnallt. Auf halben Weg, in Öriszenpeter, treffe ich auf Oliver, der mir entgegen geradelt kommt. Wir verstehen uns auf Anhieb und rollen gemeinsam bis nach Zalaegerszeg zur elterlichen Wohnung.

Nach einer Dusche treffen wir eine weitere Team-Kollegin, die Ultraläuferin Edit Berces. In ihrer Wohnung lassen wir die Rennräder und suchen ein Restaurant auf. Oliver und ich müssen uns stärken, wollen wir doch morgen beim Sprint-Duathlon teilnehmen.

Sonntagmorgen. Wir machen uns gemeinsam mit den Hunden auf um beim Supermarkt ein Frühstück zu besorgen. Am Rückweg machen wir einen Umweg um uns die Wettkampstrecke anzusehen. Die kleinsten Athleten sind bereits unterwegs. Ich bin beeindruckt mit welch sauberen Haltung und Laufform die 10jährigen Ungarn über die nasse Straße flitzen. Wir sehen uns die Streckenführung auf einem Plan an. 25 Ecken auf der Laufstrecke, die insgesamt drei Mal gelaufen werden müssen und 15 Mal werden wir auf der Radstrecke wenden müssen - das kann was werden. Wir machen uns weiter auf den Weg nachhause, schließlich rückt die Zeit bis zu unserem Start auch immer näher.

Während des Frühstücks komme ich drauf (durch eine Frage von Olivers Schwester), dass es vielleicht doch etwas zu ausgiebig und knapp vorm Wettkampf ist. Ich bin recht voll und habe Bedenken Probleme bei diesem schnellen Kampf zu bekommen. Wir ziehen uns um, während draußen ein Regenschauer niedergeht. Mir tun die jungen Sportler leid, die sich gerade im Wettkampf befinden. Wir kommen ein wenig im Stress, da wir uns nicht entscheiden können was wir anziehen sollen und die Räder müssen wir auch noch bei Edit holen. Aber als wir das Haus verlassen, hat der Regen aufgehört.

Wir begeben uns zur Anmeldung (spannende Sache, da ich das ungarische Formular schwer, sprich gar nicht, lesen kann), erhalten unsere Startnummer und warten, dass man uns in die Wechselzone lässt. Der Start wurde verschoben da noch Räder von den vorherigen Kämpfen in der Wechselzone hängen. In der Wartezeit taucht auch schon Edit auf.

Es ist soweit. Die Wechselzone wird eingerichtet. In meinem Fall mit Rennrad, Helm, Schutzbrillen und Radschuhen. Der Schuhwechsel wird mich einige Zeit kosten und wie ich feststellen muss, scheine ich der einzige zu sein der seine Schuhe wechseln wird. Aber mit Laufschuhen kann ich nicht fahren. Ich vermute aber, dass viele nicht wechseln, weil sie gar keine Radschuhe besitzen.
Wir begeben uns an den Start. Ein wenig Angst habe ich vor dem eckigen Kurs und wegen des schweren Frühstücks in mir. Auch Oliver ist nervös.

Ich halte mich ein wenig zurück, da ich eben den Kurs nicht kenne. Ständig geht es um Ecken, über Gehsteigkanten und durch Regenlacken. Aber auf der langen Geraden kann ich nicht aufholen. Die jungen Ungarn legen ein Wahnsinnstempo an den Tag, da bleibt mir nur das nachsehen. Drei Minuten nach uns starten die Mädels und laufen uns dagegen was dazu führt, dass ich gleich mal, ohne auf den Weg zu sehen, falsch abbiege.

In der Wechselzone geht alles glatt. Ich liege noch ganz gut im Rennen, sehe aber keine Chance mehr auf einen Podestplatz. Rein in Radschuhe, Helm auf und los geht's. Bei diesem Duathlon gibt es kein Windschattenverbot - so pirsche ich mich an und überhole einen nach dem anderen. Pro Runde gilt es eine Brücke mit ca. 15 Höhenmetern zu überqueren. Da haben die Flachländer allerdings nicht mal eine Chance in meinem Windschatten mit mir mitzuhalten. Auf den fünf Runden in der Innenstadt müssen wir pro Runde drei Mal auf der Straße umdrehen. Da bin ich durch mein KTM-Rennrad den anderen technisch überlegen. Ich rase mit 40km/h auf die (schreienden) Streckenposten zu und während ich zu bremsen beginne, begebe ich mich schon in Kurvenlage und schalte während des Bremsens (die Schaltung ist in die Bremshebel integriert), um dann gleich wieder voll beschleunigen zu können. Die Ungarn dagegen fangen schon lange vorher zu bremsen an, beugen sich dann runter zu ihren Schalthebel, die noch am Rahmen montiert sind und fahren dann vorsichtig die Kurve aus. Da gewinne ich jedes Mal auf etwa gleich starke Fahrer fast 200 Meter.

Leider kann ich nicht verstehe was mir die Streckenposten ständig zurufen. Ob ich nicht so schnell in die Kurven soll? Ob ich wegen irgendwas disqualifiziert werde? Und weshalb schauen die mich immer so streng an?

Es gibt nur einen Fahrer den ich nicht abschütteln kann - Richard. Er klemmt sich ständig möglichst dicht in meinen Windschatten um Kräfte zu sparen und um nach meinen schnellen Kurven wieder an mich heransprinten zu können. (Richard war übrigens der einzige schnellere Läufer, mit dem ich auf der Laufstrecke halbwegs mithalten konnte.) Oliver kommt mir jedes Mal an der gleichen Stelle entgegen, was mich positiv überrascht, denn d.h. sein Rückstand bleibt unverändert und er fährt das gleiche Tempo wie ich, dabei meinte er heute Morgen noch, er würde am Rad nicht gut sein. Erst in der letzen Runde fällt er stark zurück. Ich werde langsamer da ich will, dass Richard (der kein Deutsch versteht) vorfährt. Ich kann ja den Anweisungen der Betreuer nicht folgen und befürchte alleine nicht zurück in die Wechselzone zu finden. Richard geht allerdings nach zwei Minuten als die Kraft aus und er winkt mich nach vorne. Ein dritter Fahrer hat sich an uns dran geklemmt. Gemeinsam brausen wir durch eine Gasse mir jubelnder Menschen. Vor uns der rote Strich am Boden ab dem wir nicht mehr fahren dürfen. Von den strengen österreichischen Reglementen gewohnt bleibe ich noch davor stehen. Die beiden Ungarn überholen mich und bringen ihr Rad erst hinter der Linie zu stehen wo einer der beiden stürzt. Ich schiebe mein Rad hinter Richard her, der mit Laufschuhen an den Füßen deutlich schneller in der Wechselzone ist als ich mit meinen Cleats an den Füßen. Ich hänge mein Rad in die Vorrichtung und schlüpfe in meine Laufschuhe. Als ich die Wechselzone verlasse denke ich, aufgrund der euphorischen Rufe von Betreuerinnen, ich sei die falsche Richtung unterwegs und will umdrehen - dabei wollten sie mir nur Wasser anbieten.

200 Meter habe ich durch den Schuhwechsel auf Richard verloren. Ich befinde mich erst am Anfang meiner Kräfte, kann aber nicht noch schneller werden. Die zweieinhalb Kilometer sind bald vorbei und ich durchlaufe das Ziel, wo Edit wartet. 1h06 habe ich gebraucht für insgesamt 7,5km Laufen + 20km am Rad. Richard ist auch da, gibt mir die Hand und bedankt sich durch Handzeichen für den Windschatten, den ich ihm gegeben habe. Die 16jährige Damensieger erreicht das Ziel. Ich nehme meine Startnummer ab und begebe mich gleich wieder zurück auf die Strecke um Olivier entgegen zu laufen und ihn auf den letzten Metern zum Ziel zu begleiten.

Oliver ist nicht ganz zufrieden. Beide erkennen wir, dass es nicht falsch ist, dass wir uns (als unüblich junge Athleten) im Ultrasport (das sind Wettkämpfe mit extrem langen Distanzen) bewegen, denn hier haben wir keine Chance. Nach ein paar Schlucken Wasser fühlen wir uns beide frisch. Der einzige Unterschied zum Körperzustand vorm Wettkampf ist, dass wir jetzt munterer sind, aber von den Kräften ist nichts verloren gegangen.
Zum Abschluss machen wir noch zwei gemeinsame Fotos mit Edit.

Gegen Abend verlasse ich die Stadt und mache mich auf meine lange Heimfahrt. Sie soll als letzte Vorbereitung vor das 24-Stunden-Radrennen nächstes Wochenende dienen. Allerdings fallen nachts die Temperaturen auf 4°C was mich ein wenig bibbern lässt. Auch der Hunger plagt mich ein wenig (vielleicht hätte ich doch mehr frühstücken sollen?). Etwas vor Mitternacht komme ich zuhause an. Ab in die Dusche und schnell was gekocht - in ein paar Stunden muss ich in die Schule.


von Samuel Petersen
www.cyclesam.at