- Murpromenaden HM in Graz -
auf, zu neuen Bestleistungen
So, 20. März 2005


Bereits vor zwei Monaten habe ich meinen ersten Halbmarathon des heurigen Jahres absolviert. In 1h32. Das war nicht mal zwei Minuten langsamer als meine alte Bestzeit - dafür erstaunlich entspannt und gemütlich. Ich fragte mich, was wollt für eine Zeit raus sehen wird, wenn ich mein bestes gebe. Es war zwar nicht so, dass ich in den beiden Monaten all zuviel am trainieren war, aber wenn ich mal für eine schnelle Einheit in die Schuhe schlüpfte ("schnell" spielt sich, je nach Distanz, zwischen 14 und 18 km/h ab; auf der Laufbahn bis zu 26 km/h) war ich unheimlich gut unterwegs.
Allzu ernst nahm ich im Vorhinein diesen Wettkampf nicht, da ich mich heuer verstärkt auf die Ultradistanz konzentrieren werde. Aber es war doch schon ein längerer Wunsch meine Bestzeit von 2003 zu schlagen und als Ultraathlet muss man ja nicht zwanghaft auf der Kurzdistanz schlecht sein. Ein wenig Sorgen machte mir der plötzliche Wetterumschwung, eine Woche vorm Wettkampf. Okay, man kann einfach weniger anziehen - aber wenn der Körper gewöhnt ist 15°C kältere Luft zu atmen, dann ist das doch eine Umstellung. Dazu muss man bei diesen schweißtreibenden Temperaturen wieder während des Laufens trinken und daran muss sich der Magen auch erst mal wieder gewöhnen. Ein wenig Angst hatte ich also schon, dass der Lauf voll daneben gehen könnte.
Da ich wie gesagt den Lauf nicht so ernst nahm ließ ich es einfach auf mich zu kommen, verzichtete aufs trainieren und sah mich in Gedanken Schweißgebadet am heißen Asphalt liegen.

Ich fuhr bereits am Freitag nach Graz um meinen Jugendfreund Michael zu besuchen und bis zum Sonntagmorgen bei ihm bleiben. Nach meiner Ankunft holten wir die Starternummern von meinem Laufkollegen Robert und mir und machten uns einen gemütlichen Abend.
Am Samstagnachmittag stand ich dann ungläubig an der Terrassentür und sah zu, wie es draußen immer grauen und kälter wurde. Ich hatte für den nächsten Tag ähnliche Sportwäsche dabei, wie ich sie beim Triathlon Ende Juli getragen hatte, die Hose war sogar noch kürzer - und dabei fror ich schon im Haus. Ich wollte gar nicht daran denken. Ich weiß zwar, dass es Sportler gibt die auch im Schnee kurzbeinig laufen, aber ich war schon zu oft auf diversen Touren der erbarmungslosen Kälte ausgesetzt, als das ich so aufs freiwillige frieren stehen würde.

Samstagnacht war ich auf einem Konzert. Als mich Michael abholte nieselte es noch immer und es war bitter kalt. Als ich im Bett lag fühlte ich mich noch zu voll vom Mittagessen. Letztes Jahr erging es mir bei demselben Lauf so schlecht, weil ich mit vollem Bauch vom Vortag unterwegs war. Ich konnte auch erst einige Zeit nach Mitternacht einschlafen, weil mir noch die Ohren von der Musik dröhnten. Eine eigenartige Abwechslung zum sonst gewohnten Wettkampfvorabendprogramm, welches besteht aus Lockerungslauf, Meditation, Beinmassage, geistige und mentale Vorbereitung.

Um acht Uhr kroch ich aus dem Bett und verflüchtigte mich unter die heiße Dusche, mit der Hoffnung meinen Körper aufzuwärmen. Aber das führte nicht gerade zum Ziel, eher wurde mir noch kälter. Ich betrachtete abwechselnd meine zartblauen Oberschenkeln und durchs Fenster die Eiszapfen auf dem Terrassentisch. Wenigstens regnete es nicht, nur ein paar Schneeflocken tanzen umher. Irgendwie machte mir das Angst.
Ich trank eine halbe Tasse Tee und eine Packung aufbauende Diätnahrung. Wir machten uns auf den Weg zum Start.

Ich traf gleich nach Ankunft meinen gleichaltrigen Schulkollegen Marco und dessen zwei Begleiter. Obwohl er ja bei seiner Abfahrt am Morgen mehr hätte einpacken können, war seine Hose keinen Zentimeter länger als die meine und er hatte ähnliche bedenken aus dem Umkleideraum zu gehen. Wir schmierten uns wie manch andere Sportler die Beine mit Starteröl ein und wagten uns gemeinsam mit anderen Kurzbeinern ins Freie. Es wurde nämlich Zeit Robert zu finden um ihm endlich seine Startnummer zu übergeben - aber der ließ sich nicht finden. Zu dritt waren wir auf der Suche. Ich dachte daran, dass ich eigentlich Einlaufen sollte, und Dehnen. Ich spürte eh schon jetzt ein Ziehen im Bein. Ich bekam die Krise - wenigstens dachte ich nicht an die Kälte, außer als neben mir ein Läufer auf und ab sprang und sich laut einen Heizkörper wünschte.
Nur mehr zwei Minuten. Ich durchkämmte mit Michael das Starterfeld. Robert startet eben so gern von hinten wie ich und so fanden wir ihn zeitlich mit Startschuss. Während sich die Masse vor uns in Bewegung setzte bekam er von Michael seine Startnummer montiert. Schnelle Verabschiedung und schon ging's los.

Ich versuchte an Robert dranzubleiben, als er sich zwischen den langsameren Läufern durchkämpfte, aber schon nach einem Kilometer hatten wir uns verloren. Eigentlich wollte ich gemeinsam mit Marco einen neuen Rekord anlaufen, aber wo war der hin? Ich vermutete mal: vor mir. Aber vorsprinten und dabei meine ganze Kraft verlieren war mir zu viel Risiko. So musste ich eben alleine und ohne Tempovorgeber laufen. Wie bei meinem Lauf in Wien blieb ich am Anfang locker und schaute gelangweilt in der Gegend rum. Das neue Grazer Kunsthaus, die Murinsel, ein paar Radfahrer die im selben Tempo mitrollen - nicht grad spannend. Aber die Erfahrung hat mir gelehrt, dass man sich am Anfang viel zu leicht "langsam" vorkommt, obwohl man bereits an seiner Grenze läuft.
Mir wurde schnell warm. Ich hatte noch die Jacke an, die eigentlich für nach dem Wettkampf gedacht war. Da ich mich vorher nicht Warmgelaufen hatte, hätte ich im Traum nicht daran gedacht sie herzugeben. Zudem wäre ich dann wahrscheinlich der einzige Kurzarmige gewesen. Jetzt wurde es aber doch zuviel. Ich band sie um die Hüfte. Erst glaubst du, du frierst dich zu Tode und dann schwitzt dich erst nass. Komisch ist das.
Nach ein paar Kilometern lief ich in der gleichen üblichen Taktik. Schon vorsichtig einen Vordermann nach dem anderen anpeilen und überholen. Immer auf hundert Meter eine Sekunde schneller sein, das sollte reichen. Ich fühlte mich pudelwohl.
Bei der Überquerung der Mur waren zwei Teamkollegen von mir als Streckenposten aufgestellt und gleich danach feuerte mich noch mal eine liebe Sportler-Bekannte an - das baute mich noch mehr auf.
Aber langsam wurde es eintönig. Es tat sich nichts mehr. Von hinten kam sowieso nie wer und nach vorne blieb der Abstand zur nächsten Gruppe groß. Die lange, schnurgerade, absolut flache Strecke demotiviert, wenn man so den Überblick über sie hat.
Ich überlegte wie ich wohl unterwegs sei. Ob ich wie gewünscht unter eine Zeit von 1h30 kommen würde. Ich sah mir die Läufer vor mir an. Da waren nur mehr schlanke, gut gebaute Athleten - ein gutes Zeichen. Mehr, als meinen Platz halten war nicht mehr drinnen. Ich versuchte der Gruppe von etwa acht Läufern vor mir zu folgen bis uns bei Kilometer 13 eine junge (hübsche) Läuferin überholte. Mit einem ziemlichen Tempo. Die erschöpften Augen der Gruppe gingen nur so auf. Ich war ebenso erstaunt und ihre Leistung baute mich auf. Ich hängte mich an sie dran, konnte die Gruppe überholen und baute einen Vorsprung auf. Aber lang konnte ich ihr Tempo nicht halten. Sie war wohl eine Staffelläuferin. Nach gesamten 14,5km kam die zweite Labestation. Mir war bereits so warm, dass ich mir Wasser über die Schultern kippte.
Die Gruppe hatte mich eingeholt, zersplitterte sich aber und so liefen wir zu fünft weiter. Wie Rennradfahrer klebten wir aufeinander. Um möglichst den Windschatten des anderen auszunutzen. Die Beine bewegten sich Synchron, die Füße und Ellbogen hatten nur wenige Millimeter Abstand voneinander. Von hinten kam lange keine Gefahr, was vorne war, war mir egal. Alle Konzentration galt, den Takt zu halten um nicht etwa zu fünft zu stürzen.
Langsam wurde es schon anstrengend und fordernd. Also war es sicher kein Fehler nicht mehr beim eigenen, möglicherweise etwas schnellerem Tempo zu bleiben. Nach fünf Kilometern kam eine schmale Brücke und folgendem schmalem Weg. Wir waren auseinander gerissen und hatten jeweils etwa zwei Meter Abstand zum Nachbarn. Weil es in Richtung Ziel ging wurde allgemein forciert. Und es kostet unheimlich viel Kraft auch noch Tempo für die paar Meter vom Vordermann draufzulegen. Aber es gelang. 2,2km vorm Ziel wurde der Weg wieder breiter und wir bildeten wieder eine Gruppe. Aber von hinten kam eine kleiner Haufen von motiviert aussehenden Läufern daher - das wurde mir zu heiß. Ich drängte mich seitwärts vorbei und stellte mich auf Endkampf ein. Ich sah immer wieder unter meinem Arm durch und sah nur mehr ein Paar Läuferbeine hinter mir. Ich stellte also fest, dass scheinbar einer mit mir mitgezogen war. Als ich aber den Blick vom Boden hob und über die Schulter sah schreckte ich mich im ersten Moment. Ich blickte noch vorne und noch zwei, drei Mal zur Seite. Das war eine Frau in meinem Alter. Sie hörte sich an als würde sie gleich zusammenbrechen. Ich war absolut erstaunt und fasziniert. In dem Moment rief mir eine Bekannte etwas vom Streckenrand zu. Es dauerte etwas bis es in meinem Hirn, in dem es an Sauerstoff mangelte, verarbeitet war: Sie hatte mir mitgeteilt, dass ich mit der ersten Frau unterwegs sein. [Detail am Rande: auch beim Lauf in Wien hatte ich die schnellste Frau ins Ziel gebracht] Das motivierte mich die letzten Meter bei ihr zu bleiben. Ich sah zurück. Wir hatten einen guten Vorsprung. Wenn man auf einen anderen Menschen konzentriert ist, geht's einem auf einmal um Ecken besser. Gerade noch bekam ich fast nicht genügend Luft, schon konnte ich ihr zureden mehr Tempo zu machen. Wir bekamen einen Wahnsinnsapplaus auf der Zielgerade, der aber in meiner Sicht nur ihr gebührte.
Ich erfuhr, dass ich mit einer tollen Zeit von 1h26 das Ziel durchlaufen hatte und nahm die Glückwünsche entgegen. Marco war auch schon da. Wir machten und gleich auf den Weg in die Dusche. Wenn man schon so schnell seinen Wettkampf beendet, da gebührt einen doch auch, dass man einer der wenigen ist die Warmwasser abbekommen.
Es war schon interessant. Keine Magenkrämpfe beim Laufen, kein am Boden liegen danach, keine Schwindelgefühle, kein über die Labestation stürzen, kein Niedersaufen mit Elektrolytgetränken. Auch kein Auslaufen oder Dehnen. Einfach nur unter die Dusche, kurz die Ergebnisliste durchstudieren und nach Bekannten suchen und nach Hause fahren.
Natürlich wartete ich noch auf Robert. Der war nicht sonderlich erfreut über seine Zeit und machte sich auch sofort auf den Heimweg. Er hatte seine eigene Mitfahrgelegenheit.

Zuhause in Weiz trafen wir uns und gingen am Nachmittag gemeinsam radeln. Danach kochte ich ordentlich auf und wir machten uns einen gemütlichen Abend.
Am Montagmorgen waren wir schon wieder in den Laufschuhen zu einem Lockerungstraining.


von Samuel Petersen
www.cyclesam.at