- 12. Neusiedler Radmarathon -
einmal um den Neusiedler See in Wettkampfmanier

Platz 258 von 700 / 125km in 3h47/Rundkurs, flach, nass, stärkerer Wind

Zu Ostern war ich mit einem Jugendfreund, dem Grazer Michael Neurohr, einige Tage per Rad unterwegs. Als Vorbereitung auf unsere große Gibraltartour im Sommer und damit wir anlässlich unseres gemeinsamen 19ten Geburtstags wieder mal etwas gemeinsam unternehmen. Als wir am fünften Tag nach Hause fuhren (einen Teil gemeinsam, dann jeder seinen Weg nach Hause) fuhr ich in Gleisdorf zu einem Radgeschäft. Der Besitzer gab mir als Sponsoring Rennreifen inklusive Schläuche im Wert von 100 Euro. Das Montieren die Woche darauf, na ja, dass ist eine eigene Geschichte. Jedenfalls baute ich mein Rad zum Renner um (Renner = Abkürzung für Rennrad). Gepäcksträger vorne, Gepäcksträger hinten, Kotflügel usw…, alles weg. Die Bremsen wurden anders eingestellt. Die erste Fahrt war mit einem Bekannten, Wolfi, bei Regen um mich an das umgebaute Rad einzugewöhnen. Am nächsten Tag bin ich auf meinen Trainingsberg, den Kulm. Ich holte 14% an Zeit auf meinen alten Rekord raus. Das ist phänomenal. Am Abend war ich mit meinem Mitbewohner noch 14km laufen zum auslockern. Während Wolfi am Freitag schon regenerierte und in die Therme ging, brauchte ich noch 120km um mich wirklich ans Rad zu gewöhnen. Am Samstag bekamen meine Muskeln aber Vollkommende Schonung, auch wenn so ein schönes Wetter zum radeln gewesen wäre.

In der Nacht vorm Rennen machten die Leute bei den Weizer Lokalen einen rechten Lärm und ich konnte erst um halb eins morgens einschlafen. In der früh verschlief ich und erwachte erst, als Wolfi um sechs Uhr läutete. Ich hatte nur ein paar Minuten Zeit um aus dem Bett zu kommen und mit allen meinen Sachen (die ich erst packen musste) im Auto zu sitzen. Es war am regnen und wir diskutierten wie der Marathon werden würde. Über zwei Stunden Autofahrt standen uns bevor. Als wir über die Bundesgrenze ins Burgenland kamen, passierten (wie immer wenn ich ins Burgenland komme) kuriose Dinge. Als erstes bog ein Auto vor uns auf einmal nach links und fuhr auf die Autobahnabfahrt auf. Als würde es das absichtlich tun. So schnell kommt es zu einem Geisterfahrer. Die Frau merkte es gar nicht als die entgegenkommenden Autos einbremsten und ihr deuteten. Tja!

In einem Ort griff ein Mann zu einem Zeitungsständer, die an jedem Sonntag überall an den Laternen hängen, schaute nach links, nach rechts und hopste schnell mit seiner gefladerten Zeitung davon.

Wir kamen nach Mörbisch am Neusiedler See und fanden weit vom Start entfernt einen Parkplatz. Überall im Ort bauten Leute ihre Räder zusammen und zogen sich an. Die meisten hätten Räder, die ein x-faches von meinem kosten. Und meins war nicht billig. Neben uns wurden gerade Räder aus einem Bus geholt. Einer hätte Laufräder von denen eines alleine 1.200 Euro kostet. Wolfi traute sich gar nicht mehr sein Rad auszupacken. Auch mir war etwas unwohl, weil da fast nur professionelle Hobbyisten waren (Hobbyisten = Leute die nicht beruflich radeln) und jeder den anderen musterte. Ich denke nicht dass es bös gemeint war, denn auch wir diskutierten über die Ausrüstung anderer Fahrer.

Ich war nicht gut drauf. Sah total fertig aus, da morgens keine Zeit mehr fürs Badezimmer war, hatte kaum geschlafen, nichts gegessen. Die Temperatur passte mir nicht. Es hatte 12 Grad Celsius. Zwischen 8 und 14 Grad fahre ich nicht gerne. Die eine Kleidung ist zu warm, die andere zu kühl. Nach längerem hin und her entschied ich mich für knielange Hose, Ärmlinge, Beinlinge, offene Handschuhe und keiner zusätzlichen Brustbedeckung außer dem Trikot plus Windbreaker.

An Helm und Rücken wurden Nummern angebracht, am Rad wurde ein Chip zur Zeitmessung montiert. Langsam begaben wir uns an den Start. Wir warteten dort eine halbe Stunde. Vor uns dürften so 1.200 und hinter uns 300 Radler gewesen sein. Mir drückte es auf die Blase, aber für einen Klogang war keine Zeit mehr. Der Startschuss fiel, es ging los. Wolfi und ich wünschten uns gegenseitig viel Erfolg und auf das wir uns heil wieder sehen würden. Langsam kam die Masse in Bewegung. Es ging durch den Ort. Vor mir lag eine Straße. Sie ging einen Hügel hoch. Links und rechts Häuser, die Straße voll von einer Masse von Radlern. Die Straße sah aus wie ein bunt gepunkteter Teppich.

Es ging 10 Kilometer lag auf kleinen Wegen mit einer langweiligen Geschwindigkeit zwischen den Feldern hindurch. Wolfi und ich wurden getrennt. Es war fast nicht möglich zu überholen.

Viel musste ich auf diesem Rennen lernen. Wichtig ist das Material (…alles ums Rad; welche Teile wie ausgeführt sind und aus welchen Materialien sie bestehen). Das habe ich an meinem Rad nach den mir zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel bestmöglich optimiert. Noch viel wichtiger ist aber die Technik. Gegen die eingespielten Teams haben die anderen natürlich keine Chance. Windschattenfahren ist das um und auf um das es im Radsport geht. Die Zeichen die sich die Fahrer geben. Das Taktieren, Attackieren, Drängen, Ausreißen, Sperren, usw. Ich bin noch nie einer Gruppe gefahren und war in der Feldmitte immer sehr ängstlich. Hochkonzentriert sind natürlich alle, da man mit möglichst wenigen Millimetern Abstand zu den anderen fährt (fahren sollte, um was zu erreichen). Aber auch wenn man von sich selber her sagt man will zu den Abstand da man es sonst nervlich nicht packt (wie ich anfangs) kommen trotzdem immer die anderen von hinten und keilen einen ein damit sie deinen Windschatten bestmöglich nutzen.

Langsam kam ich in das ganze rein. Es war hart. Nach 37 Kilometern war ich schon geschafft. Aber nach nicht mal einem Drittel aufgeben? Weiter, weiter, weiter.

Ich fuhr in Ungarn in einem geschlossenen Feld (Feld = Gruppe von; ich würde sagen ab 30 Radler, die dicht aneinander fahren). Mein Vordermann verlor seine Radpumpe die ich überfuhr, wobei mir und meinen Reifen aber zum Glück nichts passierte. Zwei Mann hinter mir ließ einer einen Warnruf raus und schon war die Konzentration der meisten Fahrer kurz weg. Innerhalb von drei Sekunden formte sich das Feld komplett um. Ein paar fielen zurück, ich brach mit einem Teil meiner Vordermänner aus, das Feld hinter uns zerstreute sich, ein paar von hinten attackierten. Ein kurzer Moment der Ablenkung kann so schnell so viel ändern.

Viele Radeln schieden auf den ersten Kilometern aus. Ich denke ich hab 20 gezählt. Die meisten hatten Schlauchplatzer.

Da ich ja üblicherweise Radtouren (mit Gepäck) fahre sind meine Muskeln mehr auf Kraft auf als Ausdauern trainiert. Ich hatte wegen des Rennes Sorgen, da ich mit meinem Muskelbau nicht solche Geschwindigkeiten über längere Zeit halten kann. Dafür machen mir leichte Steigungen und schwacher Gegenwind nichts aus. Und das war mein Vorteil. Nach der Grenze, als wir wieder in Österreich waren, wechselte ich auf die Gegenspur und überholte hunderte von Radler. Radler mit riesigen Muskeln und Rädern die ein Vermögen kosten. Ich hatte die Kraft, warum sollte ich sie nicht rauslassen.

Schnell lernte ich den Windschatten optimaler zu nutzen und aus dem Schatten zu attackieren und vorwärts zu kommen. Ich kam an ein großes Feld heran das mich irgendwann umschloss. Im Feld ist es echt stressig. Der geringe Abstand zu den anderen. Mann sieht keine Bodenunebenheiten. Ständig versucht einer zu attackieren. Wenn man nach rechts gedrängt wird (wir hatten auf der Strecke Wind von links) hat man keine Chance mehr und musste aufpassen nicht ganz von der Straße abzukommen. Sobald man zu weit rechts war konnte man 200 Fahrer an sich vorbei lassen bevor man wieder die Möglichkeit hatte auszubrechen. Was ich immer wieder und wieder tat. Wenn es mir zu eng und stressig wurde: auf nach links (sofern möglich) und zwischen Feld und Gegenverkehr (die Straßen waren teilweise für den öffentlichen Verkehr offen) vor gesprintet bis man ein Loch fand. Ständig geht das Spiel so weiter. Und es kostet unglaubliche Kräfte. Wenn der Wind gerade von vorne kommt formt sich das Feld zu einer Schlange um. Vorderrad dicht an Hinterrad. Und wenn man nicht die Schlange kommt bzw. rausgedrängt wird hat man keine Chance mehr, da man alleine gegen den Wind ankämpfen muss und fällt sofort 50 Positionen zurück bis sich durch Glück vielleicht gerade neben einem ein Loch in der Schlange ergibt.

Einmal wurde ich aus einem Feld rausgedrängt, es kam eine unübersichtliche Linkskurve und ich hatte keine Chance. Noch dazu war ich auf der Gegenfahrbahn und nirgends ein Loch im Feld zu sehen, wo ich wieder auf die rechte Fahrbahn hätte einordnen können. Ich sprintete los. Am Feld vorbei, an der Spitze (… die vorderen Fahrer des Feldes) vorbei. 600 Meter vor uns war eine kleine Gruppe. An die wollte ich heran. Ich gab alles. Was ging. Ich drehte mich um und sah zwei hundert Meter hinter mir das große Feld. Ich, ohne ordentliches Material, ohne diesen Muskelaufbau den die meisten haben, habe sie alle abgehängt. Ich fuhr weiter und merkte, dass ich es alleine nicht schaffen kann. Aber sollte ich warten bis die anderen mich wieder aufholten? Ich verdrängte meine Schmerzen und gab weiter alles. Ich fuhr mit 53km/h und kam langsam näher. Als eine Steigung kam hatte ich sie. Ich ärgerte mich noch mehr. Ich hätte die Kraft vor die Steigung sparen müssen, nur woher hätte ich wissen wollen das es hier steigen wird? Nach kurzer Zeit hatte mich mein Feld eingeholt und raste an mir und der kleinen Gruppe vorbei.

Drei Mal machte ich den Fehler dass ich versuchte alleine auszubrechen um an ein weiter vorne liegendes Feld heran zu kommen. Meistens ist es dann so, dass die Kraft ausgeht, das Feld einen sofort aufholt, überholt und man keine Kraft hat den Anschluss zu finden. Und versuchen mit aller Kraft wieder an das Feld heran zu kommen, aus dem man ein paar Minuten vorher noch ausgebrochen war, ist noch viel schmerzhafter und kraftraubend sowieso.

Ich war ziemlich fertig und versuchte mich in einem Feld zu halten um aus zuruhen. Ich hoffte auf die erste Labstation und vor ein paar Sekunden die Spannung von meinen Muskeln nehmen zu können, meine drückende Blase zu entleeren und endlich wieder Energie zuführen zu können. Ab und zu sah ich brave Frauen die am Rand warteten um ihren Männern Nahrung zu zuwerfen. Ich fand das irgendwie unfair.

Einige Radler waren bereits gestürzt. Die Rettung war immer wieder unterwegs.

Auf einem schönen geraden Stück hatte irgendwie gerade jeder seinen Platz im Feld gefunden, keiner versuchte zu attackierte und auf einmal begann die große Jausnerei. fast jeder holte sich Riegeln und Bananen aus seinen Rückentaschen. Ich hatte meine Bananen natürlich im morgendlichen Stress zu hause vergessen. Aber ich hatte glücklicherweise als Notreserve eine halbe Tafel Schokolade dabei.

Vor mir wagten zwei einen anständigen Ausreisversuch und da es mir im Feld zu langweilig war hängte ich mich dran. Wir hatten guten Erfolg. Leider verpasste ich dadurch die erste Labstation. Ich wurde etwas stärker. Unterwegs überholten wir einige die alleine unterwegs waren und ich winkte einen in unser Dreier-Gespann rein. Auch nur, weil er sehr breit gebaut war und dadurch zu mehr Windschatten kam. Wir waren lang und gut so unterwegs.

Ich hatte es vorher ja immer wieder geschafft unter Aufwand großer Kräfte und Schmerzen von einem Feld an das nächste zu kommen, aber nie war Wolfi dabei. Ich fragte mich wie weit vorne der wohl sein würde. Von unserem gemeinsamen Training wusste ich, dass das wir Niveaumässig nicht weit auseinander liegen. Deshalb staunte ich darüber, wie wenig die Kraft sondern die Technik ausmacht. Nachdem wir anfangs getrennt wurden, weil sich jemand zwischen uns drängte, hatte er einen besseren Anschluss nach vorne obwohl wir von der Kraft her eigentlich gleich auf hätten sein müssen. Aber bei einem Radrennen zählt eben sehr viel mehr.

Meine Vierer-Gruppe stieß an ein Feld in dem Wolfi dabei war. Ich freute mich und grüßte ihn, zischte aber gleich an seinem Feld vorbei. Unsere Gruppe verlor sich beim überholen und es blieben nur mehr zwei von uns. Zu zweit und auch schon geschwächt hätten wir alleine (außerhalb eines Feldes) nicht viel Chance gehabt. Ins Feld kamen wir nicht rein, also bildeten wir eine neue Spitze. Die Spitze bilden und somit das Feld anführen ist natürlich Kraftmässig dumm, aber was soll's. Ich konnten die anderen sperren (damit sie uns nicht überholen und alleine lassen) bis wir schnell wieder Kräfte bekamen. Dann führten wir das Feld. Bzw. wechselte sich mein "Kollege" immer wieder mit zwei anderen und ich führte das 60 Mann starke Feld alleine an. Der Gedanke all war eine große Motivation und brachte erneute Kräfte. Nachdem ich schon aus Dummheit, bzw. eher aus Nicht-Erfahrung 8 Kilometer alleine im wollen Wind verbrachte und viel dadurch viel Energie verloren hatte führte ich jetzt tatsächlich ein Feld an. Und niemand attackierte. Manchmal kam einer vor und fragte ob ich Pulver genommen hätte. Ich meinte, meinem Gefühl entsprechend, dass es jetzt erste richtig lustig werden würde. Das war bei 70km (von 125). Ich dachte mir nur, je schneller ich sei, desto eher könnte ich aufs Klo. Ich sah Fahrer neben mir an, denen bei jedem Tritt seitlich die Muskeln raus sprangen. Ich sah mir ihre Räder an. Spezielle Konstruktionen. Ich wusste, dass die meisten dieses Jahr schon tausende Kilometern gefahren sind (ein ordentlicher Rennradler fährt ca. 20.000km im Jahr). Aber ich führte das Feld an. Sage und schreibe dreißig Kilometer lang konnte ich diese Position halten. Kurz musste ich ein paar ausgeruhte Fahrer vorbei lassen, einige Male wusste ich aus der Bedrängnis wegsprinten.

Lustig war es übrigens, als wir um die Seekuppe fuhren und dann der Wind von links kam. Das halbe Feld fuhr links vom Mittelstreifen (der Gegenverkehr "freute" sich). Und ich denk mir super das rechts so viel Platz ist, fahr vor und bin schon wieder im Wind. Aber ich lernte eben: ließ mich fallen, riss nach links und sprintete ganz links am Feld vorbei bevor das nächste Auto entgegen kam.

Ich führte mein Feld und es wurde immer beinharter. Meine Hintermänner waren ausgeruht, ich schon lange am Ende. Es waren nur mehr 20 Kilometer zum Ziel und vor viele die Zeit um auszubrechen. Ich griff gerade zu meiner Wasserflasche und bemerkte eine Linkskurve zu spät. Ich schaffte sie noch, aber rechts von mir zogen 50 Fahrer vorbei. Ich brauchte Wasser. Aber meine Flasche war leer. Auch die andere. Ich schraubte sie auf um die letzten Tropfen raus zu bekommen. Mein Feld war vor mir. Ich versucht an Anschluss zu finden. Gab meine eigentlich nicht mehr vorhandenen Kräfte. Keine Chance. Ich kontrollierte nochmals ob sich nicht in einer der beiden Flaschen ein Tröpfchen Wasser befinde. Mein Feld entfernte sich mehr. Ich stand auf um kurzzeitig mehr Kraft zu haben (dadurch hatte ich aber noch mehr Auflagefläche für den Wind und fiel noch mehr zurück). Ich versuchte gegen die Schmerzen anzukämpfen und trat und trat, aber keine Chance. Ich war am dehydrieren. Nochmals kontrollierte ich meine Flaschen. Hinter mir waren keine Fahrer. Das hieß ich musste mir keine Sorgen machen noch weiter im Rang zurück zu fallen. Ich versuchte es ein letztes Mal, aber mein Feld war für immer weg. Dann hieß es überhaupt weiter zu kommen. Jeder Jubel in der nächsten Ortschaft galt mir alleine und war sehr aufbauend. Ich hatte Schmerzen. Durst. Keine Kraft. Ich bekam Gänsehaut und ein Gefühl aus würde mich jemand im Genick zwicken. Ich zog meine Ärmlinge runter, weil ich hoffte dadurch meinen Körper stärker auszukühlen und weniger zu schwitzen. Mein Mund war weit offen. Die Zunge hing raus. Ich stand immer wieder auf, setzte mich wieder. War verzweifelt. Ich wollte mich zur Seite fallen lassen, in der Wiese liegen und einfach alle hinter mir vorbei lassen. Dann würde ich jedenfalls keine Schmerzen mehr haben. Meine Augen begannen sich zu verdrehen (das hatte ich schon öfters bei Überanstrengung). Ich versuchte mich zusammen zu nehmen. Redete mir in Gedanken zu. Konnte nicht mehr geradlinig fahren. Ich bekam furchtbare Rückenschmerzen (dürfte mir, wie auch immer, einen Nerv eingezwickt haben). Ich konnte nicht mehr sitzen und fuhr im stehen weiter so weit ich stehen konnte. Immer wieder lies ich mich unter riesigen Schmerzen auf den Sattel fallen um kurz das Körpergewicht von den Beinen zu nehmen. Ich fand das schon hart, dass ich da 60 Mann für 30 km Windschatten spende um dann gnadenlos im Stich gelassen zu werden. Aber das ist eben so. Ich hatte das erste Mal Schmerzen, die sich nicht mehr ignorieren ließen. Nicht mal für die restlichen lächerlichen 5km. Vier Männer hinter mir kamen näher. Ich wollte sie um Wasser anbetteln. Sie waren zu schnell an mir vorbei und ich musste mich in Gedanken nieder reden um noch mal alles zusammen nehmen zu können um an den letzten von ihnen dran zu können. Ich brauchte vier versuchte bis ich meine Bat um Wasser herausbrachte. Mein Mund war ganz trocken. Er gab mir eine Flasche und ich trank einen halben Liter auf einen Sitz. Ich gab ihm dankend die Flasche zurück und hatte zehn Sekunden später wieder Kräfte. Keine wirklichen, aber welche die mich noch bis zum Ziel weiter bringen würden. Ich überholte die vier zuerst, ließ sie dann aber vorbei, da ich nur mehr überhaupt bis zum Ziel zu kommen wollte. Abwechselnd ließ ich Arme und Kopf hängen und erhob sie immer unter Anstrengung. Immer wieder stand ich auf da die Rückenschmerzen unerträglich waren. Die Leute die mich anfeuerten waren eine Wohltat. Ich sah sie nur verzweifelt an. Mich durchfuhr immer wieder ein Schauder und ich spürte eine Art zwicken. Ich kam in die Zielgerade. Der Vorteil, dass ich nicht mehr mit meinem Feld unterwegs war, war, dass der tosende Applaus nur mir galt. Es war schön. Ich riss beide Füße aus der Halterung rollte ein paar Meter weiter und sprang vom Rad. Ich stellte es unter Zittern hin, kippte mit dem Kopf gegen einen Baum und brach zusammen.

Auf www.maxfun.cc gibt es übrigens ein kurzes Video mit ein paar eindrucksvollen Momenten des Rennens und ich bin drauf wie ich ins Ziel einfahre, dann ein Kamera-Schwenker und man sieht wie ich die Füße vom Rad löse. Das erfühlt mich natürlich mit Stolz.

Ein Fahrer, der in meinem Feld war, meinte, dass es nicht so gut sei, wenn man so fährt, dass man zusammen bricht. Ich richtete mich auf und sprach mit ihm über meinen Wassermangel.

Ganz langsam ging ich, auf mein Rad gestützt zu den Versorgungszelten. Immer wieder musste ich stehen bleiben, da es mich drehte. Bei ersten Stand stopfte ich mir den Mund mit Powerriegeln voll biss ich nicht mehr kauen konnte (klebrige Sache). Ich ging langsam weiter zu den Getränken, nahm den Leuten, die die Becher nachfüllen eine Flasche aus der Hand und trank eineinhalb Liter auf einen sitz. Ich griff mir ein paar Äpfelviertel und stopfte sie in den Mund. Ein paar halbe Bananen hinterer. Ich nahm mir noch zwei handvoll Äpfel und ließ mich neben mein Rad fallen. Langsam ging es etwas besser. Ich bekam wieder eine Orientierung. Erst jetzt bemerkte ich die Lautsprecherdurchsagen, bei jeder Zieleinfahrt. Von jedem sagte er wer er war und noch etwas dazu. Leider hörte ich meine eigene nicht, da ich bei der Zieleinfahrt ja nicht mehr ganz da war.

Ich realisierte jetzt ganz, dass ich was mit meinem Rücken habe und mich nicht beugen kann. Bzw. ließ ich erst einen Schrei los als ich mich beugen wollte um den Zeitnehmerchip von meinem Rad zu demontieren um ihn ab zugeben. Ich schnell was Essen und bewegte mich anschließend langsam zu Wolfi's Auto wo wir uns treffen wollten. Wolfi war aber nicht da. Ich konnte nicht an meine Waschsachen dran. Ich wollte mir so gern den Schlamm aus dem Gesicht waschen. Durch den Regen bzw. eher durch die nasse Fahrbahn bekam man ständig, wie es eben so ist, lauter Dreck von seinem Vordermann drauf gespritzt. Immer wieder hatte man kleine Steinchen und einen Güllegeschmack im Mund.

Ich versuchte etwas meine Rücken zu dehnen, aber es war nichts zu machen.

Zurück bei den Zelten konnte ich zwar nicht richtig gehen, aber ich war wieder voll da. Wolfi und ich fanden uns, wir aßen, tranken. Ich war noch bei der Magnetfeldtherapie, dann ging es heimwärts. Die Siegerehrung wollten wir nicht abwarten, da sie für uns nicht so spannend ist und wir noch eine weite Heimreise hatten.


Der Marathon war eine absolut geile Sache. Ich habe für den nächsten einiges an Erfahrung gewonnen. Ich bin nun zu Hause und durch die Hormonspiele die beim Rennen entstanden um zwei Uhr morgens noch hell wach. Mein Rücken schmerzt noch immer sehr. Mal sehen wie es mir morgen ergeht. Da heißt es Rad putzen.


Für euch ist es sicher viel, was ich da geschrieben habe. Für mich ist es nur eine knappe Beschreibung von dem was da abläuft.


von Samuel Petersen
www.cyclesam.at