- 10. Graz-Marathon -
Die neuen Leiden des jungen S.

Es klopft an die Tür. „Ja?“. Robert meint ich solle aufstehen. Ich wundere mich. Wieso ist den mein Radio nicht angegangen. Ich stehe auf und schaue nach. 9:04 Uhr ist da eingestellt. Es ist 9:05 Uhr. Hm. Oh, der Alarm ist so eingestellt, dass er nur Wochentags angeht. Dann hatte ich ja Glück das Robert mich geweckt hatte.
Ich messe mein Körpergewicht. 68kg. Passt. Weniger sollte ich nicht haben. Ich ziehe mich an, esse einen Happen. Was soll ich einpacken. Ich öffne das Fenster und stecke den Kopf hinaus. Brr. Hässliches Wetter. Kalt und Regen. Ich packe alles an Gewand das ich zum laufen anziehen könnte in meinen Rucksack. Werde ich in Graz entscheiden was ich dann anziehe. Beim Radeln weiß ich genau bei welchem Wetter und welchen Temperaturen mein Körper mit welcher Kleidung wie reagiert. Beim Laufen fehlt mir jede Erfahrung. Also wird mal alles eingepackt.
Ich gehe runter zu Robert und wir setzen uns in Auto. Auf dem Weg nach Graz erzählt er mir, dass er die Nacht nicht richtig schlafen konnte. Er ist bereits seit 5 Uhr auf. Er ist sehr aufgeregt. Seit acht Wochen trainiert er auf diesen Tag hin. Mir ist das ganze relativ egal. Ich habe mir bisher keine Gedanken darüber gemacht und gehe es sehr entspannt an.
Wir parken in Graz und treffen am Hauptplatz Robert-Th, einen guten Freund von mir. Gemeinsam gehen wir zu ihm in die Wohnung. Dort können Robert und ich uns noch vorbereiten und umziehen. Lange überlege ich hin und her. Oben kurz, unten lang oder unten kurz und oben lang? Robert entscheidet sich für kurze Hose und langes Shirt, während ich mit einer langen Leggins da stehe. Ich weiß es beim besten Willen nicht. Immer wieder gehe ich aus der Wohnung um in meiner Laufkleidung die Temperatur draußen zu fühlen. Es ist ur kalt. Zwei Minuten bevor wir dann endlich los müssen entscheide ich mich doch für die kurze Hose. Falls es doch zu kalt ist, haben wir so wenigstens geteiltes Leid. Robert-Th bekommt die Anweisung uns am Start zu suchen um uns wärmere Kleidung zu geben bzw. überflüssige entgegen zu nehmen.
Es ist halb neun und wir bewegen uns Richtung Start. Ich überzeuge Robert davon, dass die 4,5km zum Start zu Fuß doch zu weit sind und wir nehmen, wie die anderen Läufer, die Straßenbahn.
mancher bastelte sich schnell einen
Regenschutz aus einem Müllsack

Der Start ist voll mit Menschen. Einige haben sich aus Müllsacken Regenschütze gebastelt. Wir suchen uns den Pacemaker mit dem wir mithalten wollen. Er ist gut trainiert und speziell geschult ein konstantes Tempo zu laufen. Er wird nach exakt 3:30 Stunden das Ziel erreichen. Wenn wir uns an ihn halten schaffen wir die gewünschte Zeit. An ihm werden gerade mit Helium gefüllte Luftballone angebunden, damit er deutlich sichtbar ist. Er läuft die zweitschnellste Zeit der vier Pacemaker. So muss er sich im Startfeld auch weiter vorne einreihen. Wir folgen ihm Richtung Startmatte und müssen uns durch hunderte von Leuten durchquetschen. Ich entdecke Robert-Th am Rand des Startfeldes zwischen den anderen Betreuern. Ich rufe ihm zu, dass wir mit unserer Kleidung momentan zufrieden sind und er auf der Rennstrecke noch mal warten soll.
Noch während wir uns nach vorne drängen fällt der Startschuss. Die Masse setzt sich schnell in Bewegung. Vor mir streiten gerade eine Frau und ein Mann. Er meint sie solle gefälligst hinten starten, wenn sie so lahm läuft und vorne nur im Weg ist. Robert und ich bleiben beisammen und schieben die Leute vor uns zur Seite damit wir schneller weiter nach vorne kommen. Es geht flott, aber doch angenehm voran. Der Regen wird leichter.
Mir ist schon nach ein paar Minuten viel zu warm mit meinem Gelee. Ich ziehe es aus und stecke es in meinen Hosenbund.
Die Laufstrecke führt durch eine Lagerhalle. In einer Ecke spielt eine Band „I feel good“. Ich schaue zu ihnen rüber. Plötzlich zieht mir was mein rechtes Bein weg. Während ich nach vorne falle fängt mich Robert auf. Er hatte sich irgendwie mit mir verhackt und schnell genug reagiert.
Ständig bin ich mit meinem Gelee beschäftigt das immer wieder aus der Hose rutscht. Ich lege es über dem Arm, was aber auch sehr vom laufen ablenkt. Irgendwann schaffe ich es dann, es mir am Bizeps zu befestigen. Da stört es kaum.
Einige Kilometer sind bereits gelaufen. Robert und ich haben noch einen gemeinsamen Rhythmus. Wir schauen herum, reden, scherzen, überholen ab und zu andere Läufer. Eine kleine Gruppe schaut mich an, weil mein umgebundenes Gelee wie eine Armbinde wirkt. Robert meint zu ihnen, dass die drei Punkte fehlen. Ich steige auf seinen Schmäh ein, laufe in der nächsten Kurve geradeaus und tue so als würde ich gleich in einen Strommast rennen. Kurz davor bremste ich ab und schaue grinsend zu den Leuten die mich mit halb offenem Mund anstarren. Wir versuchen mit anderen Läufern zu schwatzen, aber den meisten fehlt die Luft dazu.
Mit der Zeit entwickelt es sich so, dass ich immer wieder eine Schrittlänge vor Robert bin. Er meint dass ich mich nicht an ihn halten bräuchte. Er möchte sich etwas zurück halten. Für mich in Ordnung und ich erhöhe leicht mein Tempo.
Ab und zu laufe ich für ein paar Meter rückwärts um nach Robert Ausschau zu halten und zur Demotivierung der Läufer um mich. Bei der 11km-Marke warte ich kurz auf ihn um ihn nach der Zeit zu fragen. So weiß ich wie wir mit unserem bisherigen Tempo lagen. Da der Pacemaker hinter uns ist, ist jedoch sowieso klar, dass wir schnell genug waren. Von hier an trenne ich für immer von Robert.
viel Müll sammelte sich
bei den Labestationen

Ich laufe zu schnell. Ich weiß es. Ich bin noch nie eine solche Distanz gelaufen. Ich bin erst zwei Mal in meinem Leben überhaupt die halbe Distanz die ich jetzt zu bewältigen habe gelaufen. Ich lege es darauf an. Normalerweise ist es so, dass Robert den Anfang zu schnell an geht, während ich lange brauche um auf ein Tempo zu kommen. Dafür wird Robert kontinuierlich schwächer und ich zum Schluss hin immer stärker (wie ich es beim Gleisdorf-Halbmarathon offiziell bewiesen habe). Ich finde es in Ordnung das Ganze mal andersrum zu versuchen. Er soll am Anfang noch langsamer bleiben, während ich auf ein höheres Tempo gehe. Ich weiß (aber noch nicht aus eigener Erfahrung), dass zwischen 30 und 35 Kilometer der „Läufertod“ liegt. Ab da geht es, wenn man es nicht richtig angeht, rapide bergab mit der Leistung. Man sagt, dass ab da der eigentlich Marathon beginnt. Sportärzte sagen einem wie schnell (wie Energiesparend) man bis zu dieser Marke laufen soll um durchkommen zu können. Das alles weiß ich. Trotzdem lege ich es darauf an jetzt schon mit einem hohen Tempo zu laufen. Ich will wissen ob ich mich auf mein Körpergefühl verlassen kann. Denn mein Körper will so laufen, vergiss die Vernunft. Und wen ich so nicht durchkomme, dann habe ich eine Erfahrung mehr und wahrscheinlich genug von dem blöden Laufen. Dann kann ich wieder am Rad trainieren, was ich seit langer Zeit nicht mehr tat. Mir geht es nicht darum mir was zu beweisen, oder Robert, oder sonst wem. Es ist mein erster Marathon. Ich habe keine Ahnung in welcher Zeit ich so was laufen könnte. Daher habe ich auch nicht wirklich eine Wunschzeit. Ich weiß ja nicht mal, ob ich eine solche Distanz laufen kann. Ich möchte nur wissen ob ich in den letzten 10 Kilometern vorm Ziel (da wo viele aufgeben) den Biss habe es durchzudrücken. Habe ich meinen Körper derart unter Kontrolle? Ich weiß es jetzt noch nicht. Es wäre sicherer anfangs Energie zu sparen, so wie Robert und die vielen Läufer die ich ständig überhole. Aber ich will es darauf anlegen. Meinen Sturkopf vor meine Vernunft setzen.
Mir ist fad. Ich laufe dahin, schaue gelangweilt um mich. Ich will mit wem reden. Neben mir läuft einer, als wer er vom Affen gebissen. Hektisch, laut, hechelnd. Ich schau meine Beine an, überlege, schaue ihn an. Komisch. Ich lauf eigentlich locker und trotzdem sind wir gleich schnell. Bald schon wird er langsamer und ich bin wieder alleine.
Mir ist total fad. Komisch eigentlich. Immerhin laufe ich hier. Und gar nicht so langsam. Schneller werden wäre eine Möglichkeit, aber irgendwie will ich das auch nicht. Irgendwo ist dann genug.
typisch schöne Läuferbeine

Mit den steigenden Zahlen auf den Kilometertafeln wird das Ganze interessanter (sprich anstrengender). Ich muss mich immer mehr aufs Laufen konzentrieren.
Langsam kommen Magenkrämpfe auf. Ich habe Verträglichkeitsprobleme mit dem Iso-Zeugs, dass ich mir bei den Labestationen geben ließ.
Ich gehe (laufe) auf die Halbmarathonmarke zu. Ich bin erstaunt wie frisch ich jetzt noch bin, verglichen mit dem Halbmarathon vor zwei Wochen, nachdem ich dort diese Distanz hinter mir hatte. Irgendwann ist es dann soweit. Die Hälfte ist geschafft. Meine Zeit hierher war besser als die Zeit beim Halbmarathon. Freude steigt auf. Und die Frage wie ich einen Wettkampf schaffen soll, bei dem ich schneller laufe als bei einem Wettkampf mit der halben Distanz bei dem ich mich voll verausgabte.
Der Regen hört auf. Dadurch fehlt Kühlung. Ich habe nicht mehr an als im Sommer. Weite knappe Hose und ein multifunktionelles Shirt, das Skifahrer als Unterwäsche benutzen, und natürlich Laufsocken und- schuhe. Manch andere Läufer haben sogar Handschuhe an. Ich beginne mir bei jeder Labestation Wasser über Rücken, Brust und Arme zu schütten.
Ich hätte eigentlich gedacht, dass man bei einer derart feuchten Luft weniger trinken muss. Drei Becher sind es aber doch, bei jeder der zehn Labestationen.
Meine Magenkrämpfe entwickeln sich zu den schlimmsten die ich je hatte. Die ganze linke Hälfte des Oberkörpers schmerzt. Meine Füße beginnen auch zu brennen. Um dem entgegen zu wirken laufe ich am Rand durch die tiefen Regenlacken. Ich spüre eine Blase auf meinem linken Fuß. Zeitweise (und besonders wenn ich daran denke) habe ich Schmerzen vom Ohrläppchen bis zu den Fußsohlen. Ich denke über das Aufgeben nach. Ich habe keine Angst vor dem Gedanken. Wie gesagt ist mir das Ganze nicht so wichtig. Aber über eine Zeitnehmmatte würde ich doch noch gern laufen. Um zu wissen wie ich bisher unterwegs war. Aber es kommt einfach keine Matte. Ich schaue mir die Grünstreifen am Straßenrand an. Stehen bleiben und sich dort hinlegen? Dann bin ich sicher dreckig. Und um frische Kleidung bekommen zu können müsste ich erst wieder in die Stadt gehen. Und das dauert ewig.
Ich habe einen Einbruch. Mir fällt ein warum ich beim Arzt war. Damit er mir sagt ich soll nicht so schnell laufen. Ich kann zwar um einiges schneller sein, als wie er sagte dass ich soll, nur, so meinte er, kann ich das nicht länger als 30km schaffen. Dann wären meine Muskeln am Ende, weil sie falsch versorgt werden. Ich bremse sofort mein Tempo. Wenn meine Muskeln jetzt im Eimer sind (übersäuert), könnte ich dann einfach ab jetzt langsam weiter laufen? Aber davon werden sie sicher auch nicht besser. Wenn es mal vorbei ist, ist es vorbei, oder? Ich überlege und ärgere mich ein wenig über meine Vergesslichkeit.
Ich komme durch einen Park wo Lautsprecher aufgestellt sind. „Laufen, laufen, laufen, laufen!“, „Halt vier, halt drei, halt zwei, halt ein, du willst doch nicht der Sieger sein.“, „Du musst entspannt laufen, …“, usw. Extrem nervig und demotivierend, die Durchsagen. Die protestiere und fange an zu gehen. 25km habe ich nun hinter mir. Wie viel noch? Fünf, und dann noch zehn und noch ein bissi. Also einiges noch. Aufgeben? Andere Läufer gehen auch, dass motivier mich wieder. Robert hat recht, es geht ja nur ums durchkommen. Sich beweisen, dass man die vorgegebene Distanz durchhalten kann wenn man will, egal was ist. Ich beginne wieder langsam zu laufen.
Ab nun liege ich im Wechsel. Etwas schneller, etwas langsamer, viel größeres Durstgefühl, stärkere Schmerzen, höherer Herzschlag. Es ist nur also wirklich interessant geworden. Ich muss mir taktische Gedanken machen meinen Körper weiter zu bringen. Dazu noch möglichst schnell. Ich rede mir zu. Es wir langsam wieder besser. Ich habe den „Läufertod“ nicht so erlebt. Langsam kam eben ein kleiner Einbruch und insgesamt bin ich natürlich geschwächter als am Anfang, dafür kann ich jetzt geben was ich zu geben habe ohne Angst zu haben zu früh zu ermüden. Denn schließlich gehe ich schon dem Ende zu und da muss ich verpulvern was zu verpulvern ist. Sonst kann ich ja gleich zu Hause spazieren gehen.
Samuel in der Stadt (graues Shirt)

Zum zweiten Mal komme ich durch die Stadt. Auf den Seiten stehen die jubelnden Zuseher. Wie schon beim ersten Mal versuche ich mich nicht ablenken zu lassen. Vom Rad fahren bei Nacht und vom fahren mit Ohrenstöpsel weiß ich: je weniger Sinne angesprochen werden, desto mehr Energie für die Bewegung. Ich schaffe es, die Leute nicht zu hören. Ich schließe die Augen und öffne sie nur ab und zu ein wenig um niemand rein zu laufen. Ich merke deutlich, dass ich in der Stadt immer schneller bin als die anderen, die sich dem Jubel hingeben.
Marke 34km. Die letzte Runde. Bald ist es geschafft. Wie lange noch bis zum Ziel? Mit einem groben 5er-Schnitt? Doch noch 40 Minuten. Wie lange ist das? Vergeht das schnell? Kann ich die Schmerzen vergessen und die Zeit beim laufen im Flug vergehen lassen oder werde ich jede Minute spüren?
Ich kann meinen Durst nicht mehr befriedigen. Ich gehe immer wieder zwischen durch. Es stört mich nicht. Ich stehe bei den Labestationen, trinke mehrere Becher, gehe weiter und habe noch immer Durst. Ein Problem. Mein Bauch ist eine Kugel die mich am laufen hindert. Trotzdem kein Sättigungsgefühl. Ich laufe immer wieder weiter. Gehe aber alles insgesamt gemütlich er an. Lasse mir Zeit beim Trinken, nehme mir bei der nächsten Labestation eine Banane die ich beim gehen genüsslich esse, während mich Läufer überholen, dich ich schon mal gesehen hatte, als ich noch mit Robert unterwegs war. Wo ist der eigentlich. Wenn der noch nicht da ist, lieg ich vielleicht gar nicht so schlecht. Vergiss die Leute die mich überholen. Sie sind nur Leute. Vielleicht hat Robert aufgegeben. Ah, geh. Vielleicht hat er mich ja überholt, als ich bei einer Labestation war. Aber der Pacemaker ist auch nirgends zu sehen. So lange ich vor dem bin, kein Grund zum jammern. Schneller als der zu sein würde ich mir eh nie erträumen lassen. Also wäre ich eigentlich dumm aufzugeben. Ich kann so viel gehen wie ich will. So schlecht dürfte ich trotzdem nicht liegen.
Ich rede mir ein dass die Schmerzen notwendig sind. Das macht den Marathon aus.
Es geht also immer weiter. Ein paar Schritte gehen, mit gesenktem Kopf, in mich gekehrt, Hand auf der Brust um den Puls zu fühlen, schnelle Schritte. Der Puls sinkt immer sehr schnell. Die Leute die mich überholen habe ich nach zwei Minuten wieder aufgeholt. Ich merke, dass ich mit meiner Methode sehr erfolgreich bin. Alle sind wir schon sehr angeschlagen. ich laufe bis ich merke, es will nicht mehr so recht. Sofort abbremsen, gehen, ruhig überholen lassen, mit niedrigerem Puls wieder schnell loslaufen, Plätze aufholen, und immer so weiter. Ich mache so an die 60 Plätze wett. Es ist lustig. Läufer die mich gehen sehen glauben es sei vorbei mit mir, manch einer redet mir kurz zu, und ein paar Minuten bin ich weit vor ihnen. Ich höre ab und zu jemanden sagen dass er aufgibt, oder Läufer am Rand gehen mit ihrer Startnummer in der Hand, oder erschöpft am Rand liegen. Das bestärkt.
Die Kräfte scheinen zu steigen, oder eher der Drang schneller zu werden. Wenn ich vor Schmerzen gehen muss, kann ich genauso einfach schneller laufen, da das auch nichts außer Schmerzen hervorruft. Kommt also irgendwie aufs Gleiche hinaus. Klingt vielleicht nicht ganz logisch, aber ich tu es einfach. Schneller laufen. Nur mehr wenige Kilometer. Wie viel Kilometer kann ich noch schnell laufen, ohne Angst haben zu müssen vorzeitig aufhören zu müssen? Verglichen mit sei einem kleinen Training? Wie viel kann ich da am Anschlag laufen bevor mich mein Körper zwingt aufzuhören?
Die 36km-Marke Ich bleibe stehen. Schließe die Augen, gehe ein paar Schritte und versuche mich darauf einzustellen für 6 Kilometer meine Schmerzsensoren auszuschalten und einfach nur zu laufen. Zu laufen und nichts als zu laufen. Dann kann ich mich fallen lassen. Dann ist es vorbei. Dann ist es geschafft. Ich öffne die Augen und sprinte los, an den anderen vorbei, die schon alle sehr langsam geworden sind. Die nächste Labestation kommt. Ich trinke mich voll. Muss kurz gehen weil ich so voll bin. Trotzdem bin ich aber durstig. Dumm irgendwie.
Ich ignoriere mein Drücken im Bauch und laufe schnell weiter. Es geht die Grabenstraße runter. Auf der anderen Spur steht eine Autokolonne. Die Fahrer glotzen alle herüber. Ich fühle mich als würde ich mich in Schmerz auflösen. Ich will es hinter mich bringen. Ich bekreuzige mich, senke den Kopf und gebe volles Tempo. Ich kann es einige Zeit halten. Erst nach einem Kilometer werde ich wieder allmählich langsamer. Ich merke es mit Missmut und drücke wieder an. Ich komme wieder in die Stadt. Die Tänzerinnen und die Musikanten machen mich aggressiv. Sie lenken ab. Immer wieder geht mein Tempo runter, ich muss wieder bewusst andrücken. Nicht mehr weit. Ich laufe mich bereits richtig leer. Muss wieder anfangen zu gehen. Setze mein Spiel von vorhin fort, nur etwas extremer. Ein paar Schritte gehen und mit allen nichtvorhandenen Kräften ansprinten, einpaar Meter wieder abrupt abbremsen, gehen, wieder ansprinten. Klingt dumm, aber ich fühle so besser vorankommen zu können. Und Plätze hole ich auch noch auf. Die Laufbewegung an sich schmerzt. Ich kann sie nicht lange durchhalten. Ganz langsam laufen ist also gleich anstrengend wie die gleiche Zeit sprinten. Durch die die gewonnene Zeit habe ich dann aber die Möglichkeit wieder zu gehen.
39km. Ja, es ist gleich vorbei. Ich beginne sogar mit einem zu reden den ich vor langer Zeit mal gehen sah. Er war aber nicht sehr redselig, was ich irgendwie verstand. So ließ ich ihn halt hinter mir.
40km. Ich sprinte wieder an und lasse kontinuierlich nach.
Samuel auf den letzten Meter bis zum Ziel

Ich sehe die 41km-Marke. Hinter der Kurve muss das Ziel sein. Ich beiße die Zähne für einen letzten Sprint auf die restlichen zweihundert Meter an. So schnell es geht. Ich laufe, und laufe, und denke mir, dass zweihundert Meter sonst viel näher waren. Links und rechts, hinter den Gittern, alles voller Menschen. Ich glaube sie rufen, aber ich höre sie nicht. Ich kann nicht mehr. Muss gehen. Schau nach hintern. Da ist genauso kein anderer Läufer wie vor mir. Also verliere ich nichts durchs gehen. Allmählich dringt das Geschrei in mein Hirn durch. Sie feuern mich an. „Geht schon noch!“. Ich laufe ein paar Meter. Gehe. Laufe. Gehe. Frage mich wo das dumme Ziel hingekommen ist. (nachträglicher Hinweis: ich vergaß das es 42,125 und nicht 41km sind). Ich komme auf eine Stelle die ich kenne. Natürlich. Hier war ich in der Früh. Hinter der engen Kurve hatten sie da im Regen das Ziel aufgebaut. Ich renne an, sehe das Ziel vor mir. In der Mitte der Straße ist eine Längsabsperrung. Links ist was, dass wie die Zielmatte aussieht, rechts geht es noch weiter. Bei dieser Zielmatte steht aber ein Haufen an Leuten rum. Was wollen die da? Ich bin verdutzt. Werde langsamer. Bleibe vor ihnen stehen. Warte dass sie mir sagen dass ich da falsch bin. Sagen aber nichts und schauen mich nur an. Der Jubel der Zuseher dringt langsam zu meinem Hirn durch. Ich denke ich werde dann hier schon mal richtig sein. Ist mir auch irgendwie egal. Ich schiebe mich zwischen den Mädels mit den roten Shirts und irgendwas Glänzendem in den Händen durch. Da sitzen/liegen zwei Läufen am Boden und lehnen an einem großem Spiegel. Ich lasse mich mit verdrehten Augen dazu fallen.
Es ist vorbei.Es ist vorbei. Ich habe es tatsächlich geschafft. Auf der großen Uhr über dem Zieleinlauf steht was von 3:22. Das heißt ich habe auch eine fantastische Zeit. Langsam, aber schon recht fit bewege ich mich ins große Zelt. Alles voller Tischen und Masseuren. Toll. Die Organisation ist hier echt unkritisierbar (was bei solchen Veranstaltungen eher selten der Fall ist).
Ich suche mir eine Masseurin aus. Eigentlich hätte ich den Nacken lieber gehabt, aber sie hat Anweisung nur die Beine zu massieren, da so viele Läufer sind. Nach der Massage geht’s mir schlechter als vorher.
Ich nehme mir ein Bier und schaue ein wenig herum. Riskiere auch einen Blick zu den Sanitätern wo einige Läufer liegen. Alles in allem geht’s mir im Vergleich zu den meisten eh blendend. Ich ziehe mein Shirt aus und drücke das Wasser heraus. Mit meiner Pitschnassen Kleidung ist mir kalt. Ich muss an meine warme Kleidung. Ich wickle mich wieder fest in der Folie ein und dränge mich bei der schmalen Öffnung in der Absperrung an den Sicherheitsbeamten vorbei in die Zusehermenge. Robert-Th wird noch nicht da sein, da ich um einiges früher im Ziel ankam als gerechnet. Ich mache mich auf den Weg durch die unglaublich vielen Leute durch in Richtung Robert-Th’s Wohnung. Ja, nur irgendwie kann ich sie nicht finden. Ich komme an die Rennstrecke und überlege ernsthaft mit den anderen ein wenig mitzulaufen. Aber da die ja sehen, dass ich bereits gefinisht habe würden sie sich sicher dumm vorkommen. Ich irre weiter durch die Stadt. Die Hände habe ich fest auf meine Nieren gelegt um sie warm zu halten. Der restliche Körper ist mir egal bzw. kann ich eh nichts machen um ihn zu wärmen. Nach einer Stunde begegne ich Robert-Th. Er ist ein wenig sauer. Die Sicherheitsbeamten ließen ihn nicht in den für die Läufer abgesperrten Bereich. Er bringt mich rasch zu seiner Wohnung und geht Robert suchen.
Ab in die Dusche, warme Kleidung angezogen. Da kommen auch schon Robert und Robert-Th zurück. Wir erzählen von unseren Erlebnissen. Beide sind wir glücklich und zufrieden. Wir bedanken uns für die Betreuung bei Robert-Th und gehen zurück zum Ziel. Dort holten wir uns noch etwas zu essen und trinken. 12.000 Eier wurden dort für die Sportler verarbeitet. Literweise wurden die restlichen Getränke in den Kanal geschüttet. Kisten mit Gebäck kamen in den Abfall. Da geht das viele Geld hin das wir für die Teilnahme zahlen müssten.

Ab ins Auto und nach Hause.
Ich kann nicht mehr gehen. Vielleicht habe ich mir die Knie unterkühlt als ich in der Stadt herumirrte. Robert muss mich die Stufen rauf bzw. runterschleifen. Gehen kann ich nur als hätte ich mich angemacht. Um vom sitzen in eine stehende Position zu kommen brauchen ich eine ganze Minute. Alles geht nur sehr langsam und behutsam.
Robert und ich schauen ins Internet um unsere Zeiten zu erfahren. Da stoßen wir über Hürden. Mich gibt es überhaupt nicht. Robert hat eine Zeit die überhaupt nicht mit der übereinstimmt, die er glaubt gelaufen zu sein. Nach über eine Stunde überlegen und tüfteln kommen wir hinter des Rätsels Lösung. In Kurzform: ich bin als Robert gelaufen. So gibt es seinen Namen und meine Zeiten. Aber nicht meinen Namen und auch nicht seine Zeiten. Robert war ziemlich sauer deswegen. Ich irgendwie auch. (Nachtrag: Nach einer Beschwerde beim Organisator würde alles am Mittwoch korrigiert).
Ich muss die Blasen an meinen Füßen abkleben um im Bett liegen zu können. Kann lange nicht einschlafen. Meine Beine fühlen sich an als würden sie noch laufen.

Montag ist Ruhetag. Mein Vermieter holt mich mal wieder aus dem Bett. Angefressen gehe ich seinen Wünschen nach und steige später langsam die Treppen zu Roberts Wohnung runter. Wir reden lang über den Marathon. Tüfteln über Verbesserungsmöglichkeiten, diskutieren über die Zukunft, über Fehler, usw. Beim anschließenden gemeinsamen Frühstück in meiner Wohnung schauen wir ein wenig im Internet rum. So kommt es, dass wir in zwei Wochen schon wieder an einem Halbmarathon im Burgenland teilnehmen.
Am Nachmittag geht’s in die Therme nach Loipersdorf zum regenerieren, ausruhen, entspannen. Hinterher ist es schon viel besser.

Am Dienstag bin ich bereits uneingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit (Schmerzen habe ich sowieso immer irgendwo). Ich beginne wieder mit einem leichten Krafttraining was meinen Beinen scheinbar nicht schadet.
Am Mittwoch ist schon wieder die Gier aufs Laufen da, der ich am Nachmittag auch nachgehe.


zum Bericht:
er klingt vielleicht hart und verrückt, ist es auch. Aber es ist nicht schlimm. Das ist normal. Jedem, der es in einer vernünftigen Zeit schafft, geht es mindestens so. Das macht den Sport aus. Ich fühle mich gesund dabei und bin mittlerweile sicherheitshalber auch unter ärztlicher Aufsicht.

Werte:
1384 Leute am Start
1319 davon kamen ins Ziel
Ich kam auf Rang 330. (liege somit im ersten Viertel)
In der Klasse der unter 30jährigen bin ich auf Rang 54
1:35 auf den ersten 21km
1:45 auf den weiteren 21km
Gesamtzeit: 3:20:04
Das entspricht 12,65km/h bzw 4:44 Minuten pro km


von Samuel Petersen
www.cyclesam.at