Als ich Anfang August sehr ausgelaugt von meiner Radtour zurückkehrte waren mal drei Wochen Ruhe, Regeneration und Gewichtszunahme angesagt. Diese Zeit war auch wichtig, da ich große Probleme mit der Nahrungsaufnahme hatte. Schwäche- und Schwindelgefühl am Morgen, keinen Hunger, in-den-Schlaf-fallen nach dem gezwungenem Essen.
Ich begann nach den drei Wochen wieder etwas zu radeln und laufen was mir sehr gut tat. Mein Körper funktionierte wieder richtig und ich legte fünf Kilogramm zu.
Ich mag laufen ja überhaupt nicht. Ich habe dieses Jahr am 28. April damit begonnen (am Tag nach dem Neusdiedler Radmarathon). Eigentlich hauptsächlich um meinen Hausgenossen Robert (der früher Radsportler war) zu beleiten, betreuen und zu motivieren.
Am 5. Oktober ist der Grazer Marathon an dem Robert teilnehmen wird. Um sich dafür bestens vorbereiten zu können holte er sich Rat bei einem Arbeitskollegen der seit zehn Jahren ein Spitzenläufer ist. Dieser machte mit ihm einen 5000 Meter Tempolauf um ihm anhand seiner gelaufenen Zeit ein 8-wöchiges Trainingsprogramm zusammen zu stellen. Natürlich war ich bei diesem Lauf (zwei Tage nach der Radtour) dabei. Als es sich nach 4000 Metern zeigte, dass ich doch mehr Potential habe als er bekam ich freie Hand mich von seiner Seite zu lösen und lief meine eigene Geschwindigkeit. Mit weniger als 20 Minuten auf die 5 Kilometer (das sind 15km/h) war ich super unterwegs und bekam einiges an Lob von Roberts Kollegen. Ich wurde gleich eingeteilt Robert bei seinem 8-Wochen-Programm zu unterstützen.
Bei einem der ersten Programmpunkte, einem 10km Tempolauf, war ich noch dabei. Mit einer Zeit von 40 Minuten (ebenfalls 15km/h). Ich hatte dann aber einen Einbruch auf Grund von Fleischverzehr, zog mich vom Sport zurück und ging in die oben genannte Ruhepause um Gewicht anlegen zu können.
Ich war bei diesen Läufen so gut, weil ich eben wenig Körpergewicht hatte und von der Radtour mit einer unglaublichen Kondition und Kraft zurückgekehrt war. Mir war das aber zuviel, da ich zu schnell zu schwach wurde und keine Energiereserven mehr hatte.
Als ich mich wieder fit fühlte war ich öfters bei Roberts Training dabei. Durch mein höheres Gewicht war ich zwar um einiges langsamer geworden, aber dafür fühlte ich mich als ganzes besser. Nach ein paar Tempoläufen hatte ich auch schon wieder bessere Zeiten.
Nachdem Robert einmal bei einem Training einen Einbruch hatte und ich alleine weiterlief bis ich die Halbmarathondistanz (21,1km) erreicht hatte, lies ich mich dazu überreden ihn beim Halbmarathon in Gleisdorf zu begleiten. Irgendwie wollte ich zwar nicht, da ich Angst vorm Versagen hatte, aber ich wollte Robert auch nicht alleine lassen. Nachdem ich in den drei Wochen zuvor gerade Mal 150km gelaufen war, darunter zwei lange Läufe und drei Tempoläufe, meldete ich uns für den Halbmarathon an.
Als kurz vorher körperliche Probleme auftauchten nahm ich von Donnerstagmittag an keine Mahlzeit mehr ein um bei Samstägigen Lauf leer zu sein. Als ich bei einem kurzen lockeren Lauf am Freitag noch größere Probleme bekam beschloss ich, mich, nach diesem meinen ersten offiziellen Lauf, wieder rein aufs Radfahren zu konzentrieren. Das Laufen macht mir nicht wirklich Freude und ich kann die Schmerzen nicht so genießen wie beim radeln.
Wir waren am Samstag schon relativ früh in Gleisdorf, holten unsere Startnummern, Chips für die Zeitnehmung, sprachen mit Bekannten, tranken Cola. Eine Stunde vor Start zogen wir uns um und begannen gemütlich mit dem Einlaufen. Von Warmlaufen konnte bei den fast 30° Celsius keine Rede mehr sein. Die Temperaturen machten vielen zu schaffen und es wurde schon ein wenig vorm Start gejammert. Ich empfand es nicht so schlimm, da ich im Sommer bei Maximaltemperaturen von 40° (per Rad) unterwegs war.
Kurz nach 14 Uhr fiel der Startschuss. 120 Läufer setzten sich in Bewegung. Aus Überlegungen über psychologische Stärkung heraus startete ich als Letzter, weiß aber mittlerweile, dass das nur beim Radsport von Vorteil ist, denn ich tat mir schwer bei den engen Stadtrunden an den ganzen Leuten die mich bremsten vorbeizukommen. So war ich nach der ersten Runde noch einer der letzten während die vorderen Starter bereits einen schönen Vorsprung ausgearbeitet hatten. In der Stadt gab es eine Labestation, aber nach nur wenigen Minuten laufen war es für die meisten zu früh, etwas zu trinken. Nach zweieinhalb Runden ging es raus aus der Stadt, zwischen den Feldern entlang. Die Strecke fiel hauptsächlich, dafür bremste der Gegenwind. Zwischen den Maisäckern stand die heiße Luft. Ich lief eher auf Reserve und hielt mich etwa den Takt der wenigen Läufer die ich vor mir sehen konnte. Trotzdem war ich, durch meine langen Beine, auf je hundert Meter immer ein paar Zentimeter schneller und so überholte ich Kilometer für Kilometer wieder jemanden.
Bei der nächsten Labestation nahm ich von den Helfern einen Becher Wasser entgegen. Ich hatte vorher noch nie versucht während des Laufens aus einem Becher zu trinken und so bekam ich mehr in die Nase als sonst wo hin.
Kurz drauf, beim neunten Kilometer hatte ich den ersten Einbruch. Mir fehlte die Flüssigkeit. Wie ich das bereits oft erlebt habe begann es im Genick zu zwicken, leichte Gänsehaut bildet sich am Rücken und ein kalter Schauer durchlief mich immer wieder und wieder. Ich versuchte mich geistig anzutreiben (von wegen, dass eh in ein paar Hundert Meter die nächste Labestation sein). Es half. Natürlich dauerte es noch lange bis die nächste Station in Sicht war.
Es ging bergauf. Ein Läufer vor mir trank aus seiner umgeschnallten Flasche. Ich war ganz gierig drauf auch was abzubekommen. Natürlich konnte ich ihn nicht fragen und um mich nicht länger zu quälen legte ich einen Zahn zu um ihn und seine Flasche nicht mehr vor mir sehen zu müssen (und um ihm zu zeigen das ich auch ohne Wasser stärker war :). Gleich drauf stand eine Frau mit Kinderwagen am Straßenrand. Sie holte eine Trinkflasche aus einer Tasche und hielt sie in meine Richtung. Meine gierigen Augen gingen noch weiter auf. Ich verstand nicht was das sollte. Sie wollte doch nicht etwa mir… Als ich direkt neben ihr war sah ich dass sie knapp an mir vorbei sah. Die Flasche war für den Läufer hinter mir gedacht. Ich dachte mir, wie unfair. Er hatte eh schon Vorrat dabei und bekam den dann unterwegs auch noch nachgefüllt. Andererseits freute ich mich vor ihn so eine brave Frau zu haben. Öfters standen Frauen am Rand und warteten auf ihre Männer um sie zu motivieren und zu verpflegen. Auch bei den Radrennen hatte ich das schon öfters erlebt. Um zu zeigen dass ich ohne diesen Komfort nicht schlechter war sah ich zu möglichst schnell meinen Vorsprung zu vergrößern.
An ein paar Stellen hatte die Rennleitung Leute hingesetzt die, um einen zu stärken, einem zuklatschten und "Super!" oder "Spitze!" riefen. Irgendwie kommt man sich ziemlich blöd vor, aber es hilft wirklich.
Lange nachdem ich gehofft hatte, kam endlich die nächste Labestation. Dort stand, nur mehr mit roter Kappe, knapper Laufhose und weißen Laufschuhen bekleidet Robert, der wie wild am trinken war während ihm das Wasser vom Körper rann. Ich blieb stehen. Ein Klassenkollege von mir war dieser Station zugeteilt und reichte mir rasch einen Becher nach dem anderen zu. Nur ein paar Sekunden aufgehalten konnte ich schon wieder weiter. Allerdings lief ich nur locker um auf Robert zu warten.
Auch er hatte massive Probleme mit dem Wassermangel gehabt. Er sagte, dass wir gemeinsam durchs Ziel laufen sollen worauf ich automatisch zustimmte (da er beim Laufen immer alles angibt und ich ihn normal ja nur begleite). Die nächsten Kilometer unterhielten wir uns und als ich merkte dass ich eigentlich immer stärker wurde (wie es meistens ist, wenn ich weiß dass das Ende naht) überlegte mir ob ich den dumm sei. Ich holte mir von ihm die Erlaubnis und löste mich von ihm.
Langsam rückte ich zu der Frau vor uns auf, überholte sie, schloss zum nächsten auf, überholte. Ich merkte, dass alle schon recht geschafft waren. Mein aufgenommenes Wasser war gleich wieder ausgeschwitzt und ich verzweifelte. Nur mehr 5000 Meter. Ich versuchte meine Gedanken abzulenken. Es wurde härter. Ich wollte nicht aufgeben. Der Gedanke des endlich-loslassen-wollens kommt bei mir immer gegen Ende einer körperlichen Anstrengung dieser Art. Gleichzeitig vergaß ich den Schmerz und wurde noch schneller. Je schneller desto früher vorbei. Ich konnte auf den letzten 6km immerhin wahnsinnige 4 Minuten rausholen (im Vergleich zu denen die bis dorthin noch vor mir liefen).
Als es in die Stadt ging wurde es noch schlimmer. Es ging bergauf, ich wurde aber nicht langsamer. Ich sah wieder den einen und anderen Läufer. Als ich an ihnen vorbeibrauste sah ich ihnen in die Gesichter. Sie schienen am Ende. Ich hatte Angst sie psychisch zu schwächen, wenn ich so an ihnen vorbeiziehe.
Der letzte steile Anstieg, noch jemanden überholt, eine scharfe Kurve an einem Holzhüttchen vorbei in den Zielraum, aufpassen dass es mich hierbei nicht schmeißt, hinein in das Jubeln der Zuseher, über die Zielmatte, und einen Platz zum fallenlassen suchen, keiner zu sehen, meinen Namen aus den Lautsprecher hören, Glücksgefühle und Stolz in mir aufsteigen spüren, stehen bleiben und an eine Laterne klammern um nicht um zu fallen.
Andere Läufer lagen am Asphalt. Ich setzte mich kurz auf den Boden, gegen die Laterne gelehnt, um mich zu sammeln. Ein paar Sekunden später stand ich schon wieder auf und ging zum Versorgungstand. Literweise Wasser ein einem in meinen lechzenden Körper geleert. Es ging schon besser. Ich sah um mich und merkte, dass es mir vergleichsmäßig gar nicht so schlecht ging.
Robert kam dann auch schon ins Ziel. Ich fing ihn gleich auf und brachte ihn zur Wasserausgabe. Wir nahmen auch gleich Äpfel und Bierdosen mit um unterhielten uns mit anderen Bekannten die mitgelaufen waren.
Als ich mir noch einen halben Liter Cola holen wollte wurde ich aufgerufen. Ich musste vor hunderten Leuten auf ein Podest steigen und nahm einen schönen großen Pokal entgegen. Noch ein paar Fotos, dann durfte ich wieder zu meinen Kollegen. Wolfi (der mit mir den Neusiedler Radmarathon im April bestritt) machte mich darauf aufmerksam, dass ich Bester meiner Klasse war (ich hatte gar nicht mitbekommen wie mir geschehen war). Ich war übrigens auch Bester der Klassen über mir.
- mit 19 Jahren jüngster Teilnehmer
- bester unter-37-jähriger
- fünf Sekunden nach dem ältesten Teilnehmer über die Zielmatte gekommen
- gesamt 26ster von 120 Startern, davon gaben 9 auf
- nur 20 Sekunden hinter dem Extremsportler/Bergläufer Jörg Painsipp
Mit 1:37 Stunden war ich eigentlich gar nicht soo schnell. Auf jeden Fall schlechter als im Training. Fast jeder klagte über die schlechten Bedingungen. Die meisten waren über ihre Zeit enttäuscht. Die Leitung entschuldigte sich über die hohen Temperaturen und die zu schlechte Versorgung. Ich hätte vielleicht auch besser sein könne, aber ich will nicht klagen. Ich bin stolz, dass meine erste offizielle Leistung nicht schlecht war und habe mir damit selber wieder etwas bewiesen. Auf den letzten Kilometern brachte ich noch die Kraft auf mich acht Ränge vorzukämpfen wo die meisten schon nicht mehr konnten. Dazu habe ich eine Leistung vollbracht dir für mein junges Alter äußerst ungewöhnlich ist. Die richtige Klassenwertung fängt ja erst bei 30 Jahren an, da es fast keine jüngeren Läufer gibt.
Am Sonntag ging es zusammen mit Robert und Didgeridoo in die Raabklamm zum erholen, sich wieder finden, regenerieren. Wir gingen Stundenlang flussaufwärts durchs Wasser, saßen auf Felsbrocken in der Sonne um am Didgeridoo zu spielen, kletterten auf Felsen herum, liefen auf den steilen Wanderwegen herum. Andere Leute die dort unterwegs waren brachen hinterher an der Straße beim Jägerwirt nieder und überlegten wie sie sich am Besten vom wandern in der Klamm erholen könnten, während das für uns die Erholung war.
Hinterher fühlten wir uns toll und meldeten uns für den Grazer Marathon in zwei Wochen an.
Am Montag saß ich endlich wieder nachts in meiner Wohnung auf meinem Rad und spulte auf der Radrolle 150 Wattstunden herunter.
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