- Schneewanderlaufen -
der erste Schnee

20. November 2004

Abends, sieben Uhr. Ich stehe am Südtirolerplatz unter der Weihnachtsbeleuchtung und warte auf Robert. Wir wollen gemeinsam zu einem Indien-Vortrag gehen. Da, plötzlich fängt es zu schneien. Ich bin total aus dem Häuschen. Als Robert endlich am Platz eintrifft unterbreite ich ihm gleich meine frischgeborene Idee heute Nacht noch auf den Berg zu gehen. Meine Überredungskunst schlägt nicht an. Robert will am Sonntag 45km laufen und sein Unternehmen durchs nichts gefährden. Ich bin enttäuscht.
Während des Vortrags über das äußerst warme Indien schaue ich ständig aus dem Fenster. Ich wünsche mich nach draußen, in den Schnee. Ich überlege schon alleine auf den Berg zu gehen. Nach dem Vortrag versuche ich es erneut. Robert meint aber, dass es, da es ja schneit und somit bewölkt ist, morgens nicht gerade ausregend schön sein wird, so wie es die letzten Tage war. Ich stimme im zu.
Als ich am nächsten Morgen zum Fenster werde ich richtig erschreckt durch das helle freundliche Licht - die Morgensonne lässt den Schnee glitzern. Ich ärgere mich furchtbar in der Stadt zu hocken und heute Nacht nicht doch alleine aufgebrochen zu sein.

Ich habe tagsüber viel zu tun und außer gelegentlichen Blicken aus dem Fenster habe ich nicht viel von diesem zauberhaften Wetter. Gegen Abend lege ich meine Arbeit nieder und beschließe mal wieder auf die Walze zu steigen. Seit ich Ende Mai aus dem Training ausgestiegen bin versuche ich doch alle drei bis fünf Wochen mal die Walze aufzusuchen damit mein Körper nicht ganz vergisst was es heißt in die Pedale zu treten. Morgens hatte ich eine Nachricht von meiner Teamchefin Manuela Resnik, die sich von Hawaii gemeldet hatte, auf der Mobilbox. Sie ist dort bereits Tagen im Wettkampf beim Deca-Triathlon und teilte mir mit, dass sie nach den 38km Schwimmen und auch 1300km am Rad hinter sich gebracht hätte. (siehe www.resnik.at) Diese Nachricht beflügelte mich noch mehr auf der Walze die Sau raus zu lassen.
So repariere ich mein Hinterrad, spanne mein Rad in das Gestell über der Walze und los geht's. Im stockfinsteren Keller, bei ordentlicher Musik strample ich wie schon lange nicht mehr. Mir brennen furchtbar die Augen vor vielem Schweiß der über den Körper läuft. Ich fahre eine Stunde lang an meiner Obergrenze. Es tut gut. Ich fühle mich als würde ich fliegen.

Zurück im zweiten Stock nehme ich eine heiße Dusche und hole ein paar meiner Ausrüstungsgegenstände aus den Kästen. Rucksack, Schlafsack hinein, Matte und Stativ draufgeschnallt, Wasserflaschen, Kamera. Das wär's eigentlich schon. Ich ziehe mich an.
Das Haus ist leer, alle ausgeflogen. Im Nachbargebäude findet ein Ball statt wo alle sind. Öfters wurde ich heute gefragt ob ich auch hingehe. Ich brauch das nicht nur nicht, ich will das nicht mal. Unter keinen Umständen. Der Schnee reizt mich viel mehr.
Bundesheerpullover übergestreift, in die alten Laufschuhe geschlüpft, Wanderrucksack auf den Rücken, Mütze auf und los geht es.
Draußen ist es ganz schön frisch. Die Ballgäste die in Anzügen herumlaufen verschrecken mich und ich ziehe mich auf die Rückseite des Bundesschulzentrums zurück von wo es für mich dann schnellen Schrittes über den Weizberg auf den Landscha geht.
Da geh ich nun da oben über das ein Kilometer lange vom Mond beleuchtete Plateau. Ein Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal alleine unterwegs war. Seit ich vor neun Monaten umgezogen bin habe ich auch ständig Leute um mich. Hier in der Nacht und Kälte fühle ich mich schon sehr verloren. Ein plötzlicher Wind drückt mich zur Seite. Ich rolle meine Mütze bis zur Hälfte über meine Brillen runter und ziehe meinen Atemschutz noch höher. Ich bemerke, dass ich scheinbar zuwenig Kleidung mithabe. Es bläst durch den Pullover und die Mütze hindurch. Wenn ich so nachdenke habe ich jetzt bei etlichen Minusgraden weniger warme Kleidung mit als wie wenn ich im Sommer auf Radtour bin. Eigenartig. Ich versuche das Gefühl der Einsamkeit und meine Angst vor Dunkelheit zu unterdrücken und laufe bis es wieder bergauf geht. Ich bin sehr müde und geschwächt von der Walze. Ich ziehe die Gurte des Wanderrucksacks enger und hänge mich ein wenig in Tragegestell.


Alleine laufe ich im Mondlicht (links im Bild) zu später Stunde mit leichter Wanderausrüstung über das Plateau.

Ich gehe und gehe und scheine niemals anzukommen. Es wird eng, der Mond steht schon recht tief. Ich brauche sein Licht um einen Liegeplatz am Patscha Sattel zu finden. Da endlich, der Patscha Bauer. Hier verlasse ich die offene Straße und begebe mich auf einen finsteren Waldweg. Hier liegt einiges an Schnee. Ich bin froh zwei Taschenlampen mit Karabiner an meine Hose geschnallt zu haben, da jede nur halb funktioniert.
Nach zweieinhalb Stunden stehe ich voller Glück auf "meinem" Platz. Hier hatten Robert und ich an einem Sommervollmond genächtigt. Zwei Meter vor mir geht es senkrecht bergab. Von hier hat man eine Wahnsinnsausicht über die Stadt. Zweieinhalb Stunden habe ich hierher gebraucht. Der Himmel ist klar, ich hoffe auf einen sonnigen Morgen. Der Mond steht über dem gegenüberliegenden Berg. Nur kurz habe ich ein Auge für diese Romantik. Rucksack auf, Schlafsack raus, Matte ausgerollt. Den Rucksack stelle ich auf mein aufblasbares Sitzkissen und lehne ihn gegen das aufgestellte Stativ damit er nicht am Boden anfriert. Raus aus den Schuhen und ab ins kuschelige Nachtlager.


Am Waldweg liegt Schnee, dafür ist es dort stockfinster. Ich beeile mich um noch vor Monduntergang wieder aus dem Wald zu sein und meinen Schlafplatz bei etwas Licht suchen zu können.

Ich finde den Platz an dem Robert und eines Sommervollmonds nächtigten. Neben mir geht der Mond hinter dem gegenüberliegenden Berg unter, seitlich von mir fällt der Felsen senkrecht ab. Endlich kann ich mich in meinen kuscheligen Schlafsack verkriechen.

Sonntag - neun Uhr, zeigt meine beleuchtete Timex-Ironman-Uhr an. Ich öffne die Kordeln und stecke den Kopf aus dem Schlafsack. Nachdem ich meine Brille ertastet und von Eis gereinigt habe sehe ich mich um. Leider keine Sicht mehr ins Tal, es ist diesig. Um mich ist alles weiß. Sogar mein Schlafsack ist von einer Eis- und Schneeschicht bedeckt. Jetzt erinnere ich mich, dass es mir nachts mal ins Ohr geschneit hatte. Ich rollte die Mütze über den ganzen Kopf und zog mich in die Tiefen meines Artic-Schlafsackes zurück. Ich mache mich auf die Suche nach meinen weißen Laufschuhen im weißen Schnee. Es wäre vielleicht doch klug gewesen einen Sack mitzunehmen um sie nachts darin zu verstauen. Um ob meinen Füssen es so gefällt mit dünnen Laufschuhen durch den Pulverschnee zu spazieren wird sich noch herausstellen. Ich habe nicht mal Wollsocken mit, obwohl ich die sonst sogar im Haus anhabe.
Ich ziehe meine Pullover, den ich als Kopfkissen benutz hatte, übers Trikot und schlüpfte in die von Schnee befreiten Schuhe. Dann noch Schlaflager im Rucksack und schon joggte ich locker los um meinen Körper aufzuheizen.
Der Lauf durch den Wald ist toll. Schneebedeckte Äste hängen über dem Weg, die Laufschuhe geben wunderbar Halt, der Rucksack hüpft nicht wie befürchtet. Ziemlich schnell bin ich am Waldrand. Die Wolken haben sich inzwischen verzogen, vor mir liegt das weite Tal in dem die Stadt liegt, der Schnee blendet und die Sonne wärmt. Mein Herz geht auf. Mit großen Glücksgefühlen und einem Grinsen laufe ich weiter. Zwar habe ich eine Verletzung an der rechten Achillessehne und eine Blase am linken Fuß, aber die Schmerzen lassen sich leicht vergessen.


Morgenbild am Berg: mit Neuschneebedeckter Boden (und Schuhe), ringsum alles in dichten Nebel gehüllt, mein von Eis überzogener Schlafsack, Rucksack und Stativ. Zum Frühstück gibts Eiswürfel.

Im Wald erwartet mich ein tolles Winterlandschaftsbild. Ich bin überglücklich meine Nacht hier oben verbracht und somit den ersten Schnee des heurigen Winters erlebt zu haben.

Mir wird zu warm. Ich bleibe stehen um Handschuhe, Haube und Atemschutz in den Rucksack zu packen. Ich knöpfte den Pullover auf und öffne das Trikot um ein wenig abzukühlen, während ich versuche einen Schluck Wasser zu nehmen. Na klar, das Wasser ist natürlich gefroren. Ich breche das Eis indem ich die Plastiktrinkflasche übers Knie knicke. Noch immer geht nichts, der Sauger ist auch gefroren. So schraube ich halt den Verschluss ab und als ich ansetze schwappen mir aus der großen Öffnung ein bisschen Wasser und einige Eisbrocken heraus in meinen Ausschnitt. Ich bin vom Laufen so aufgeheizt, dass ich auf der Brust gar kein Kältegefühl wahrnehme.


Ich laufe auf der Bergstraße in Richtung Stadt.

Ich bin nicht ganz der einzige der hier unterwegs ist.

Ich freue mich, dass das mit dem von mir so genannten Schneewanderlaufen tatsächlich klappt. Ich komme schnell voran und bin bald wieder auf dem Plateau herunten. Ziemlich schwach fühle ich mich, war meine letzte Mahlzeit das gestrige Frühstück. Hier ist auch fast kein Schnee. Das Laufen auf der Schneelosen Ebene ist verdammt anstrengend. Am Ende des Plateau, wo es steil Richtung Stadt geht sehe ich, dass es da unten überhaupt keinen Schnee mehr gibt. Um so mehr freue ich mich die Nacht auf dem Berg verbracht und als Einziger den Schnee erlebt zu haben.
Die letzten beiden Kilometer vom Fuße des Bergs bis nachhause laufe ich kraftleer nur mehr schleppend dahin.


Vom Laufen in der herrlichen Morgensonne nassgeschwitzt. Die Aussicht auf die anderen Schneebedeckten Berge, auf die Stadt und Freude auf etwas zu Essen motiviert mich zu einer hohen Laufleistung.

Inklusive fotografieren habe ich eine Stunde für die 13km lange Strecke gebraucht. Zuhause geht's erst mal unter die heiße Dusche und dann müssen Schlafsack und Matte getrocknet werden. Tja, so ist das eine tolle Sache, aber wie würde es seien, wäre ich mehrere Tage im Schnee unterwegs, ohne Möglichkeit mich unter einer Dusche aufzuwärmen, oder verschwitze Kleidung und Schlafausrüstung zu trocknen? Noch ist es nicht festgelegt, ob ich diesen Winter unterwegs sein werde. Das wird wahrscheinlich die Auftragslage entscheiden. Finde ich eine gute Arbeit, werde ich diese machen um finanziell in der Lage zu sein meinen Körper im Frühjahr wieder Wettkampftauglich zu machen. Ansonsten würde ich mir schon wünschen die Tage um die Jahreswende im Schnee zu verbringen.


von Samuel Petersen
www.cyclesam.at